Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Gustav Landauer zum Gedächtnis
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 462 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Landauer zum Gedächtnis*) Von Richard Detlev Loewenberg Ich baue mir eine neue Welt mit dem Bewußtsein, daß ich keinen Grund habe, auf dem ich baue, sondern nur eine Notwendigkeit. G. Landauer. Als ich im Sommer 192 5 in München meine Freunde nach Landauer fragte, war ich nicht wenig erschrocken, von diesen feingebildeten Menschen das abfälligste Urteil zu hören, noch erfüllt von dem Haß des Bürgers gegen die Unsicherheit und Unruhe der kurzen bayrischen Rätezeit: Ein tollgewordener, überspannter sozialistischer Schwärmer, so hieß es, der seinen tragischen Tod beim Einmarsch der Reichswehr selber verschuldet hat. Daß dieses die Meinung der breiten Bildungsschicht auch im allgemeinen ist, beweist die beschämende Tatsache, daß von Landauers Schriften zu seinen Lebzeiten kaum mehr als eine Auflage erschienen ist, daß außer Babs tiefer Gedächtnisrede nichts über ihn erschienen ist, daß man sich scheut vor ihm, weil er oft mehr schreit als schreibt, denn dieser unbequeme Mensch fordert mehr als lesen, verlangt Leben: Ja, was das Allerselbstverständlichste sein sollte und das Seltenste ist, Lehre und Leben war bei ihm unzertrennlich eins und ehen deswegen soll hier versucht werden, zu ihm zu führen. Uns fragt er: „Warum seid ihr auch Draußenbleiber ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral und euren Hosen?" Diese Worte entstammen der erstaunlich frühreifen Novelle: Der Todesprediger, die Landauer schon mit 20 Jahren schrieb, und die bei aller Unbeholfenheit bereits im Kern den ganzen Menschen enthält, so daß die späteren Werke dort im Keime schon alle angelegt sind. Es sei nun an seinem Leben *) Der Aufsatz konnte die Sammlung von Landauers Briefen leider nicht mehr berücksichtigen. 462