Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Die Rassenfrage in ihrem Verhältnis zu Religion und Recht
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 459 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Rassenfrage in ihrem Verhältnis zu Religion und Recht so kann man sagen, daß zwischen der Zeit vor der Emanzipation und dem Mittelalter praktisch kaum ein Unterschied war. Wenn hier der Jude als Andersgläubiger und Fremder zugleich ein Elender (ahd. alilanti, eliporo), also rechtsunfähig war, und nur die königlichen Schutzbriefe ihm ein, wie wir sahen, sehr fragwürdiges Recht gewährten, so blieb diese Willkür bis in die neueste Zeit ihrem Wesen nach bestehen. (Ich füge hier neben von Schwerin, Deutsche Rechtsgeschichte, noch die wichtigste Literatur ein: Caro, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden in Mittelalter und Neuzeit, I. 1908; Freund, Die Emanzipation der Juden in Preußen, L, IL, 1912; Kohut, Geschichte der deutschen Juden 1898; Scherer, Beiträge zur Geschichte des Judenrechtes im Mittelalter, L, 1901; Stobbe, Die Juden in Deutschland 1866 u. a.) * * * Ziehen wir nun aus allem Gesagten die grundsätzlichen Folgerungen! Wir waren davon ausgegangen, daß der Sinn der alttestamentiichen und in Vielem auch der neutestamentlichen Religion der ist: daß nach Gottes Willen ein Volk Gottes geschaffen werde, das im Geist und in der Wahrheit seinen Gott anbetet und sich aus dem Prinzip der Gerechtigkeit heraus eine Gestaltung und Rechtsordnung gibt, die dem Menschen als einem Geschöpfe Gottes gerecht wird und ihm als Einzelnem sowohl wie als Gruppe und als Volk den Sinn seiner Existenz finden hilft Statt dessen hat sich das brutale Machtprinzip der Menschheitsgeschichte bemächtigt, und es ist vielleicht die beschämendste Tatsache für die sogenannte Christenheit, daß die Aufklärung, also eine wesentlich, wenn auch nicht antichristliche, so doch achristliche Bewegung, die ersten Schritte tun mußte, um das furchtbare, am Menschen begangene Unrecht wieder gut zu machen. Wir blicken auf die Gegenwart und suchen ihre Forderung zu verstehen. Denn auch die Zeit ist ein Wort Gottes an uns. Was sollen wir tun? Ich möchte nach dem schönen Spruch verfahren: In necessaris unitas, in dubiis libertas, in omnibus Caritas. Die Wirklichkeit, der wir uns zu beugen haben — auch das ist Gehorsam des Glaubens — zeigt uns, daß von Rassenreinheit nicht mehr die Rede sein kann. Da, wo man noch verhältnismäßige Rassenreinheit feststellen kann, wird sie nicht mehr lange dauern. Im Mittelalter konnte man Ehen zwischen Christen und Juden verbieten. Jetzt wäre ein solches Verbot praktisch widersinnig. Be- 459