Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899258--03115-2899317- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erich Stern Anderes, je aufgehen, wenn nicht die Freude an Harmonien und Rhythmen und die Anregung zu den Erlebnissen vorhergegangen wäre? Nur an dem Erleben kann sich die Erlebnisfähigkeit entfalten. Die Möglichkeit zu künstlerischem Erleben ist in dem Menschen angelegt; um diese Möglichkeit aber Wirklichkeit werden zu lassen, um die Anlage zur Entfaltung zu bringen, dazu bedarf es der Anregung von außen. Diese Anregung muß eine spezifische sein, d. h. die Möglichkeit zu künstlerischen Erlebnissen wird nur durch künstlerische Gebilde entfaltet Was für die Kunst und das künstlerische Erleben gilt, das gilt in einem noch viel umfassenderen Maße für die Religion. Die Möglichkeit zu religiösem Erleben ist im Menschen angelegt; aber diese Möglichkeit kann verschüttet werden, sie kann unentfaltet bleiben oder entfaltet werden; um sie zu entfalten, dazu bedarf es im allgemeinen der Anregung von außen. Gewiß kann ein erwachsener, reifer Mensch, der unrehgiös erzogen und aufgewachsen ist, durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen im späteren Leben zur Religion kommen, aber dies wird nicht allzuhäufig vorkommen, und selbst dann nur durch Konflikte und Kämpfe möglich sein; die Mehrzahl der Menschen kommt zur Religiosität durch die Religion, durch religiöse Erfahrungen in der Kindheit Und hier tritt nun die Bedeutung der religiösen Formen für die Erziehung mit aller Schärfe und Deutlichkeit hervor. Wie kann man dem Kinde religiöse Erlebnisse, die es in seiner ganzen Tiefe noch nicht zu fassen vermag, zuführen? Jene nicht formgebundene Religiosität, die für den Erwachsenen möglich ist, ist dem Kinde und auch dem Jugendlichen noch unzugänglich. Kind und Jugendlicher brauchen mehr noch als die Mehrzahl der Erwachsenen äußere Symbole, an die ihr Erleben anknüpfen kann. Die Fahne ist nur für die rein rationale Betrachtung ein Stück buntes Tuch, das mit der Staatsgesinnung nichts zu tun hat, für die Mehrzahl der Menschen hingegen ist sie Ausdruck, Symbol der Hoheit des Staates; sie begeistert, für sie schlägt man sich, ihr ist man treu. Der runde Goldreif hat mit der Ehegesinnung an sich nichts zu tun, und doch tragen wir ihn, schmerzt sein Verlust mehr als der eines anderen, sachlich wertvolleren Gegenstandes, ist sein Besitz und sein offenes Tragen der Stolz vieler: auch er ist Zeichen, Symbol und hat als solches seine Bedeutung für uns — mag der Völkerpsychologe den Brauch des Ringtragens auch aus mystischen Komplexen, Zauber- und Beschwörungsriten herleiten. Die Frau, die ihn zum ersten Male am 442