Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 441 (sequence 9)
- Language
- German
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Über d:e Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung ist naturgemäß um so stärker, je intensiver das Erleben ist, je unmittelbarer und überzeugender es von dem Individuum erlebt wird; der religiöse Genius muß sich mitteilen, muß schöpferisch sein und mitreißen. Von seinem Erleben zehrt gewissermaßen die Masse. Das objektive Gebilde allein verbürgt die Möglichkeit, daß Andere teilhaben können, daß sich eine Tradition, eine Kontinuität bildet. Die Form wird zu einem Mittel der Weitergabe, der Erhaltung des einmal Gelebten und Bestehenden, des schöpferischen Lebens. Allein ^s besteht naturgemäß immer die Gefahr, daß die Form erstarrt und daß der Geist, das Leben ihr entflieht; dann wird die Form leer und hohl, ihre Erfüllung wird als eine Qual, als Mühe, als Unbequemlichkeit, als bitteres Muß betrachtet; dann entsteht der Typus jenes Menschen, der, ohne religiös zu sein, die Form erfüllt Diese Gefahr ist naturgemäß um so größer, je ferner die Gesamtkultur dem Geist steht, aus dem heraus ursprünglich die Form geboren wurde, je mehr das Leben sich gewandelt hat. Aber immer bleibt die Tatsache, daß für den wahren Bekenner die Form auch dann noch ihren Sinn behält, daß ihm die Erfüllung der Form nicht Mühe und Qual, sondern Freude und Glück bedeutet, nicht Gebot, sondern ein Recht, auf das er stolz ist Die Form besitzt also innerhalb des religiösen Lebens ihre Bedeutimg, die auch der wird unumwunden zugeben müsseh, der sie — in der heute gegebenen Gestalt — für seine Person ablehnt Allein wer überhaupt religiösem Erleben zugänglich ist, auf den werden gewisse Formen immer wirken und in ihm eine religiöse Haltung erzeugen, selbst wenn er sich nachher sagen wird, daß die Form heute ihren ursprünglichen Sinn verloren hat und wenn sie ihm unannehmbar erscheint Gewiß ist sie nicht rational zu begründen, aber das Gefühl nimmt oft an, was der Verstand verwirft Das Kind hat kein eigentliches Verständnis für Sinn und Bedeutung des Religiösen; dieses liegt ihm ebenso fern wie alle anderen Geistesgebiete; erst langsam und allmählich entwickelt sich seine Erlebnisfähigkeit Was versteht, was fühlt das Kind von der Musik? Es singt, es lernt ein Instrument spielen, hat vielleicht auch, wenn es musikalisch ist, eine Freude an Harmonien und Rhythmen — aber der tiefere Gehalt der großen Tonschöpfungen bleibt ihm dennoch fremd. Aber würde ihm das Verständnis für diese, die dem Menschen Höhen und Tiefen des Lebens erschließen wie kaum etwas 441