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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 443

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
Date
1928-12-01
Page
443 (sequence 11)
Language
German
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Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung Finger hat, fühlt sich dadurch allein schon verändert Wir haben überall; Symbole und bedürfen ihrer. Alle religiöse Erziehung muß darauf ausgehen, dem Kinde die Möglichkeit zu religiösen Erlebnissen zu verschaffen. Dazu aber bedarf es der sichtbaren Zeichen, der Formen, die das Erleben auslösen, und die ihm immer wieder Nahrung geben. Freilich der Formen, die von der erwachsenen Generation selbst erfüllt und gelebt werden. Man erzieht einen Menschen nicht zur Religion, indem man ihn Bibelverse lernen läßt, ihm Gebete eintrichtert, und ihn zur Befolgung von Vorschriften anhält, die man selbst für überlebt hält und die man selbst nicht erfüllt, vielleicht sogar verächtlich macht Nur an religiösem Leben kann sich religiöses Leben entzünden. Die wesentlichste Aufgabe fällt dabei der Familie zu. Aber das religiöse Leben selbst kann nicht „übertragen" werden — der Einzelne muß es immer wieder selbst erfahren: „wenn ihr's nicht spürt, ihr werdet's nie erjagen!" Aber die Möglichkeit, es zu spüren, kann durch die Erziehung verschüttet oder geschaffen werden, und hier ist eben das wesentliche Hilfsmittel die von den Erziehern erfüllte Form Mag die Form historisch entstanden, mag ihre ursprüngliche Begründung für uns heute sinnlos sein, solange der Erwachsene sie bejaht und erfüllt, solange sie religiöse Erlebnisse in ihm auslöst, solange wird sie auch auf das Kind wirken und sein religiöses Erleben befruchten: das Kind ist nicht imstande, die zeitliche und historische Bedingtheit zu sehen, ihm gilt die Form noch absolut; wächst später die Erkenntnis und die Einsicht in die historischen Zusammenhänge, dann wird sie — ist das religiöse Erleben stark genug geworden — diesem nichts mehr anhaben können, selbst wenn viele Formen abgestreift werden. Nur die sinnerfüllte und erlebte Form vermag zu bilden. Und hier liegt nun eine erhebliche Schwierigkeit für viele Erzieher, deren Leben noch hineinreicht in die Epoche der Religionsfremdheit und Religionsfeindlichkeit Damals hat der Verstand die Normen zerdacht und den Glauben an sie zerstört; kamen sie zur Religiosität, so durch Lebenserfahrungen, die aber den Glauben an die Bedeutung der Form nicht wiederherstellen konnten. Gewiß gibt es auch eine Zahl von Menschen, die den Weg zur Form und zur ursprünglichen Glaubensgemeinschaft in vollem Umfange wieder zurückfanden; aber für die meisten gilt dies nicht Sie stehen vor der sehr schwierigen Aufgabe, die religiöse Erziehung, deren Bedeutung sie schätzen, zu bejahen, aber das wesentlichste Mittel abzulehnen. Sollen sie die Formen äußerlich übernehmen, 443

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