Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 440 (sequence 8)
- Language
- German
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Erich Slern sondern daß hier der Einzelne allein steht; damit aber entbehrt sein religiöses Leben schon einer sehr wichtigen und bedeutsamen Stütze. Die religiöse Gemeinschaft setzt immer die Annahme bestimmter Formen (oder deren Bildung) voraus; ihre gemeinsame Erfüllung und Übung bildet einen wesentlichen Teil des Gemeinschaftslebens. Diese Erfüllung erzeugt gewiß nicht das religiöse Erleben, aber sie gibt ihm immer wieder neue Nahrung, regt es immer wieder von neuem an. Und dieser Anregung bedarf die Mehrzahl der Menschen durchaus; so ist die nicht formgebundene Religiosität auf einen sehr kleinen Kreis von Menschen beschränkt Des weiteren müssen wir uns aber klar machen, daß selbst auf den Menschen, der heute die Form ablehnt, die Form doch gewirkt hat — zum mindesten in gewissen Zeiten seines Lebens, der Kindheit Und in seine Religiosität gehen Anschauungen und Oberzeugungen, Verhaltensweisen ein, die aus den historisch gegebenen Bekenntnissen stammen. Ohne es zu wissen und zu wollen, hat er doch irgendwie an den überkommenen Formen anteil, zehrt er von ihrem Geist Und dann muß darauf hingewiesen werden, daß er da, wo er die äußere Erfüllung der Formen eines Bekenntnisses ablehnt, sich selbt irgendwelche neue Formen, subjektiv-persönliche Formen, sich gewissermaßen ein Schema schafft, das er durch sein Leben auszufüllen trachtet Setzen wir aber einmal das religiöse Leben in Vergleich zu irgendeiner anderen Wertrichtung im Menschen, so ergibt sich als das Wesen aller, daß sie auf die Vergegenständlichung, auf das Schaffen irgendwelcher objektiver Gebilde ausgehen. So entstehen die großen Kultursysteme Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft usw. Wäre, so könnte man vielleicht paradox sagen, das Religiöse rein und ausschließlich auf das subjektive Erleben des Einzelnen beschränkt, dann gäbe es wohl ein persönliches religiöses Leben, aber keine Religion, dann bliebe das religiöse Leben etwas rein Subjektives, ohne irgendwie über das erlebende Subjekt hinauszureichen; daß dies selbst da der Fall ist, wo sich der Einzelne von den historisch gegebenen Formen losgelöst hat, verdankt er der Tatsache, daß es eine Religion im objektiven Sinne gibt Käme er ohne sie überhaupt jemals zu einem per1sönlichen religiösen Leben? Die Mehrzahl der Menschen hat die Tendenz, das, was sie selbst als wertvoll erlebt, mitzuteilen, irgendwie zu vergegenständlichen; diese Tendenz 440