Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 438 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899258--03111-2899313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erich Stern Religiosität ist irgendeine Axt des Verhältnisses zu dem höchsten Wesen, zu dem Urgrund und Ziel alles Seins, zu Gott Wie alle Beziehungen und Bindungen bestimmte Formen entstehen lassen, so auch die religiösen. Diese sind, wie oben schon angedeutet, örtlich und zeitlich bedingt, sie sind bedeutsam für das religiöse Leben, aber sie machen nicht sein Wesen aus. Eine Analyse des religiösen Erlebnisses ist oft versucht worden, sowohl des Erlebnisses des religiösen Genius wie des Durchschnittsmenschen. Für diesen trifft jedenfalls die Aufstellung Schleiermachers in weitestem Ausmaß zu, der das Wesen des religiösen Erlebnisses in dem Gefühl der „schlechthinnigen Abhängigkeit" sieht Die eingehendste Analyse hat Rudolf Otto in seinem Buche „Das Heilige" gegeben. Es würde in unserem Zusammenhange zu weit führen, auf dieses Buch näher einzugehen; nur einige Momente hebe ich hier kurz hervor; das Heilige ist für ihn das „Numinose", das „ganz Andere", demgegenüber der Mensch ein Gefühl der Furcht und der Ehrfurcht empfindet; er fühlt sich ihm gegenüber klein, als Kreatur — „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest" — von ihm abhängig, ihm preisgegeben. Von ihm kommen Glück und Unglück, kommt alles Schicksal, dem der Mensch sich fügen muß, dessen Sinn er nicht zu erkennen imstande ist: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!" Diesem Ewigen gegenüber fühlt der Mensch eine Verantwortung, vor ihm hat er Rechenschaft abzulegen. — Ich breche hier ab, es sollte keine Analyse des religiösen Erlebens gegeben, sondern nur der Ausgangspunkt für eine solche angedeutet werden. Es war nur von dem religiösen Erlebnis die Rede, wir bleiben also auf dem Boden der Psychologie: wir berührten nicht die Frage, was hinter diesem Erlebnis steht, was in der Welt des Außerpsychischen ihm entspricht Allein wir müssen betonen, daß jene Auffassung, der Mensch lebe, „als ob" es einen Gott gäbe, uns vollkommen irrig erscheint: nur dann gewinnt die religiöse Auffassung Kraft, wenn der Mensch von der Wahrheit und der objektiven Wirklichkeit seines Gottes überzeugt ist Wir dürfen annehmen, daß unserer Fähigkeit zu religiösem Erleben auch objektiv Etwas entspricht, genau so wie wir überzeugt sind, daß unserem Erkennen eine reale Außenwelt zugeordnet ist; jedenfalls besteht kein Grund, an der Möglichkeit einer Realität der religiösen Welt zu zweifeln. 438