Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung leben, als ob es keinen Gott gäbe, Menschen, für die Gott nur an den religiösen Festtagen existiert Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die keine der von ihrem Bekenntnis vorgeschriebenen Kultübungen erfüllen, die aber doch in ihrem tiefsten Innern durchaus religiös sind: sie leben eine Religion, die sie nicht laut und feierlich verkünden. Religion ist nicht etwas, was man neben seinem sonstigen Erlebnis-, Interessen- und Strebenskreis hat, sondern eine bestimmte Seinsform der Seele; Religion hängt der Seele nicht lese um wie ein Gewand, sondern bestimmt sie durch und durch. II. Daß das religiöse Erleben ein eigentümliches Erleben ist, das auf kein anderes zurückgeführt werden kann, erscheint mir gewiß; das hindert naturgemäß nicht, zuzugeben, daß Elemente verschiedenster Art in das religiöse Erleben eingehen; worauf es aber ankommt, ist, daß diese dann von dem religiösen Zentrum aus geformt werden, daß das Religiöse eine Erlebniskategorie besonderer Art darstellt Worin liegt nun das Wesen des religiösen Erlebens? Eduard Spranger hat in seinem Buche „Lebensformen" auch den religiösen Typus eingehender beschrieben; für ihn ist dieser dadurch charakterisiert, daß er jedes einzelne Erlebnis auf den Totalsinn des Lebens bezieht Diese Charakterisierung ist zweifellos zutreffend, allein sie reicht meines Erachtens nicht aus. Es ist noch nichts darüber gesagt, worin denn der Totalisinn des Lebens gesehen werden muß: wenn ein Mensch den höchsten Sinn seines Lebens im Geld und Gelderwerb sieht, so kommt er gewiß dazu, das Geld anzubeten und alles auf das Geld zu beziehen, aber er kommt damit gewiß nicht zur Religion. Die Anerkennung des Religiösen setzt meines Erachtens die Annahme einer absolut geltenden Wertordnung voraus, in der der religiöse Wert die oberste Stelle ednnimmt In dieser Rangordnung sind die niederen Werte den höheren untergeordnet, haben die niederen den höheren zu dienen, und so zielen denn alle anderen schließlich auf den religiösen Wert hin, erst von ihm erhalten sie ihre Berechtigung und ihre Weihe. Aufgabe des Menschen ist es, Werte in seinem Leben, in der Welt zu verwirklichen, und so wird der religiöse Wert letztes und höchstes Ziel des Strebens. Die Notwendigkeit, die geltenden Werte irgendwie mit Seiendem zu verbinden, führt uns zur Annahme eines höchsten absoluten Wesens, das alle Wertvoll- Icommenheit in sich vereinigt; in ihm treffen sich letzte Ursache alles Geschehens und höchstes Ziel alles Strebens. 437 30'