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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 436

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
Date
1928-12-01
Page
436 (sequence 4)
Language
German
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Erich Stern gemeinschaft, eine Partei begründen, sei es neben die bestehende eine neue stellen; aber die Blicke können auch vorwärts gerichtet sein; man kann manche der überkommenen Formen als unzeitgemäß, als überlebt, mit dem Zeitgeist unvereinbar, betrachten, ohne die Form prinzipiell abzulehnen, sondern vielmehr nach neuen Formen suchen. Für die Zeit, die mit dem Weltkrieg ihren Abschluß findet, ist eine Erscheinung besonders charakteristisch, die Georg Simmel, dieser feinsinnige Deuter der Kulturphänomene besonders hervorhebt Es gab gewiß zu allen Zeiten einen Kampf gegen bestehende Formen; aber dieser suchte an die Stelle der vorhandenen Formen neue zu setzen, die mehr der inneren Haltung der Menschen entsprachen. Jetzt aber gilt der Kampf nicht nur den bestehenden Formen, sondern der Form schlechthin; der Mensch strebt nach einer Lösung von der Form überhaupt, er will das Leben unmittelbar in seiner Lebendigkeit, in seinem Dahinströmen, in seiner Wandelbarkeit fassen. Simmel verfolgt diese Tendenz auf den verschiedensten Kulturgebieten, er zeigt, wie der Begriff des Lebens und des Erlebens zum Zentralbegriff der Weltr deutung wird. Der Kampf gegen die Form läßt sich auch auf religiösem Gebiet nachweisen. Die Bindung an die Form ersticke das wahre religiöse Leben, so argumentiert man, sie führe za einer mechanischen Erfüllung gewisser Vorschriften und Gebote, ohne daß der Mensch innerlich wesentlich daran beteiligt sei, oder sein müsse. Wahre Religiosität sei eine innere Haltung, eine Einstellung des Menschen, die aus seinem Inneren entspringe und die keiner Formen bedarf, sie sei etwas unmittelbar Lebendiges, das durch die Form getötet werden könne. Daraus entspringt dann eine Feindseligkeit gegen die Form; dieser Kampf gegen die religiöse Form ordnet sich also einer sehr viel umfassenderen geistigen Richtung ein. Es sei freilich schon an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß der Kampf gegen die Form heute bereits zu einem guten Teil überwunden ist und daß wir uns in einer Phase des Ringens um neue Formen — oder um neue Sinnerfüllung der alten Formen — befinden. Wie immer man aber zu dem hier angedeuteten Problem der Form stehen mag, soviel erscheint doch gewiß, daß gerade auf dem Gebiet des Religiösen Erleben und Form, Religiosität und Kultübung einen hohen Grad von Unabhängigkeit voneinander besitzen. Es gibt zweifellos Menschen, die die Formen, welche die Religion vorschreibt, streng erfüllen, die aber im tiefsten Grunde ihrer Seele durchaus unreligiös sind: Menschen, die zu Gott beten, aber 436

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