Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 435 (sequence 3)
- Language
- German
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Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung die in ihrer Ausprägung zweifellos räumlich und zeitlich bedingt sind, und die von der Veranlagung, dem Gefühls- und Willensleben insbesondere, der Menschen abhängen, welche die Gemeinschaft bilden. Die Formen sind nicht willkürlich gemacht, sondern sie stellen den natürlichen Ausdruck des religiösen Lebens der Gruppe dar. Während das Leben aber etwas ungemein Flüchtiges, etwas Fließendes, dauernd Wandelbares ist, sind die Formen fest, starr, sie sind objektiv gewordenes Leben — wir sprechen deshalb von objektivem Geist —, sie zeigen eine Tendenz zur Beharrung, selbst wenn das Leben längst über sie hinweggeschritten ist Simmel führt einmal aus, daß die Grundthese des Marxismus eine viel umfassendere Bedeutung besitze, als ihr innerhalb des historischen Materialismus zukomme: danach sind nämlich die Formen des wirtschaftlichen Lebens — und letztlich allen kulturellen Lebens — Ausdruck lebendiger Triebkräfte; diese Produktivkräfte schaffen sich jeweils die ihnen adäquaten Formen. Da sie sich aber ständig weiter entfalten, so seien die Formen des wirtschaftlichen Lebens bald nicht mehr der Ausdruck der nunmehr bestehenden Triebkräfte; so entstehen Spannungen, die zu einer Sprengung der Form führen. Diese Bewegung, dieser Widerspruch zwischen Leben und Form sei aber, so bemerkt Simmel, keineswegs auf das Gebiet des Wirtschaftlichen beschränkt, sondern sei ein ganz allgemeiner. Dabei finden wir nun, daß auf keinem Gebiet die Formen eine solche Starrheit und Festigkeit zeigen als auf religiösem. Es wird aber immer eine Reihe von Menschen geben, welche die Formen nicht als schlechthin göttlich und unwandelbar annehmen, welche die bestehenden Formen in ihrer Gesamtheit, oder doch wenigstens einen mehr oder minder erheblichen Teil als unwesentlich, als überlebt ablehnen oder gar zu früheren Formen zurückkehren wollen. Nun bestehen in der Hauptsache vier Möglichkeiten: entweder die Betreffenden bleiben auch weiterhin in dem alten Glaubensverband, ohne die Formen zu erfüllen, ohne an den Kultübungen teilzunehmen, dem wesentlichsten Grundgehalt des Bekenntnisses (oder dem, was sie für diesen Grundgehalt ansehen) zustimmend; oder aber sie treten aus der Glaubensgemeinschaft aus, lösen sich ganz von dieser los, um entweder aus Opportunitätsgründen sich einer anderen Gemeinschaft anzuschließen oder fern von allen Gemeinschaften zu leben; eine dritte Möglichkeit ist die, daß sie die gegenwärtige Kultübung und Formerfüllung als irrig, mißverstanden bezeichnen und nun die Rückkehr zu der ursprünglichen, „wahren" Lehre fordern und so, sei es innerhalb der bestehenden Glaubens- 30 435