Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erich Stern die ihr gezogenen Grenzen und begibt sich, auf ein Gebiet, das zu durchdringen ihr unmöglich ist Eis trifft auch nicht zu, daß die Naturwissenschaften die Möglichkeit einer „höheren" Wirklichkeit nachgewiesen haben. Dessauer hat in seinem schönen Buch „Leben, Natur, Religion" den Nachweis geführt, daß die Naturwissenschaft die Möglichkeit einer höheren Wirklichkeit keineswegs aufhebt, sondern deren Bestehen durchaus offen läßt, nur muß man von ihr nicht verlangen, daß sie „Wunder" wirkt, <L h. die Geltung der Naturgesetze durchbricht, aber hinter und über diesen kann sich sehr wohl eine andere Welt erheben. Heute scheint der Naturalismus des vorigen Jahrhundert überwunden, aber wir stehen doch noch unter seinen Nachwirkungen. Als unter seinem Einfluß viele sich von der Religion abkehrten, sie für veraltet und unmöglich, sich selbst aber für aufgeklärt und modern hielten, da war eines der entfscheidendsten Argumente, daß sie historisch entstanden und daß ihre Formen überlebt seien; der Mensch von heute könne nicht mehr an eine Offenbarung, an Wunder glauben, er könne sich nicht mehr an Kultübungen binden, die für ihn jeden Sinn verloren hätten. Die Ehrlichkeit fordere, dies zuzugeben, sich aus den Bindungen zu lösen, selbst wenn damit das Leben unruhiger und unsicherer würde; der Mensch müsse lernen, sich einzig und allein auf seine Kraft zu verlassen und keine Hilfe „von oben" zu erwarten. Nun hatte diese Argumentation viele von der Religion fortgebracht, allein die religiöse Sehnsucht war damit keineswegs erloschen; im Gegenteil, in dem Maße, in dem das Leben rationalisiert wurde, in dem Naturwissenschaft und Technik es beherrschten, wuchs das religiöse Verlangen. Aber für viele bedeutete das eine neue Problematik, denn die einfache Rückkehr zu dem Glauben und den Glaubensformen der Kindheit war ihnen nicht möglich; und so erhob sich für sie die Frage, ob Religiosität möglich sei, ohne die Befolgung irgendwelcher historisch gewordener Formen, und worin sie, ihrem Wesen nach, bestehe. Dann aber mußte die weitere Frage aufkommen, ob es möglich sei, die Form vollkommen zu vernachlässigen, oder welche Bedeutung der Form im Rahmen des religiösen Lebens und der religiösen Erziehung zukomme. Diesen Fragen wollen wir in den folgenden Erörterungen kurz nachgehen. L Das religiöse Leben führt wie kaum ein anderes Erleben zur Gerne in - schaftsbildung; die religiöse Gemeinschaft erzeugt bestimmte Formen, 434