Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Über die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899258--03106-2899308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ueber die Bedeutung religiöser Formen für die Erziehung Von Erich Stern Man hat das neunzehnte Jahrhundert als das Jahrhundert der Naturwissenschaft und der Technik bezeichnet Und in der Tat wird damit ein ganz wesentliches Merkmal der herrschenden Geistesrichtung hervorgehoben: nicht allein, daß die Naturwissenschaften ungeheure Fortschritte zu verzeichnen hatten und durch ihre Anwendung in der Technik zu einer das Leben umgestaltenden Macht wurden; sie erhoben Anspruch darauf, das Ganze der Welt durchforschen und deuten zu können. Wirklichkeit war ihnen nur das Sichtbare, Greifbare, das Meß-, Wäg- und Zählbare, das Materielle; was sich nicht mit den Methoden der Naturwissenschaften fassen ließ, erschien als Hirngespinst, als Ausgeburt menschlicher Phantasie. Die Religion, ehedem eine das Leben gestaltende Macht, wurde entthront; man glaubte, ihre Haltlosigkeit ein für alle Male dargetan zu haben, wenn man zeigte, daß eine der Wurzeln des Glaubens an einen über der Natur stehenden Gott die menschliche Schwäche, das Gefühl der Ohnmacht, der Furcht, das Bedürfnis nach Anlehnung und Schutz sei; die Psychoanalyse glaubt die Religion aus dem „Vaterkomplex" herleiten und damit abtun zu können: wie das Kind Schutz bei dem Vater sucht, so sucht der Erwachsene Schutz bei einem „Vater aller Menschen", in den er alle Vatereigenschaften, verdichtet und gesteigert, hineinlegt Indessen ist damit das Problem der Religion keineswegs erledigt Wenn sich auch das religiöse Bewußtsein im Menschen in natürlicher" Weise aufbaut, so ist damit noch keineswegs gesagt, daß ihm nicht irgendetwas Reales entspricht Indem die Naturwissenschaft dieses Reale leugnet, überschreitet sie 433