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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 431

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Lessing
Date
1928-12-01
Page
431 (sequence 2)
Language
German
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Wilhelm Michel: Lessing dumpfung und Verhärtung jener Lebensmächte, die an sich vielleicht zu den gründenden Mächten gehören, aber in der Ausartung zum Alpdruck werden, der das Leben erwürgt Die Tatsachen, die hierher gehören, sind bekannt Noch den Dichtungen des jungen Schiller zittert das Herz vor Empörung über die lebenschänderischen Gestaltungen jener Zeit, über Despotendruck, abergläubischen Wahn, Kastengeist, Vergreisung und Verfinsterung des geistigen wie des bürgerlichen Daseins. Mag die Aufklärung im Verfolg ihrer streitbaren Gedanken schließlich zu einer unhaltbaren Überbetonung des geschichtslosen Denkens, der Ratio überhaupt gelangt sein: bei ihrem Beginne war das Wort, das sie führte, unzweifelhaft das Wort der Menschheit Sie mußte die zeitlose Vernunft aufbieten gegen die Erstickungsdrohung finsterer Leidenschaften, sie mußte die persönliche Freiheit aufrufen gegen eine abenteuerliche Überladung alles Lebens mit Bindungen, mit dumpfer Historie, mit verkauzten Superstitionen und sonstigen Fremdkörpern, die die Seele nicht mehr ertrug. Sie ist an ihrem Beginn tatsächlich das gewesen, was ihr Name sagt: Bringerin der Klarheit, der Helle, der Durchleuchtung inmitten einer von sperrigem Wust bis zum Himmel verstellten Welt Es ist Lessings Bedeutung, daß er der größte deutsche Führer dieses Wortes der Aufklärung war, der freieste und königlichste Geist in einer Zeit, die der Freiheit bedurfte, um sich im Leben, zu erhalten. Bei Lessing stellt sich am klarsten jene Gedankenverknüpfung heraus, die zur geistigen Grundstruktur der Aufklärung gehört: indem das Recht auf den eigenen Glauben proklamiert wird, wird zugleich die Pflicht zur Duldung des fremden Glaubens verkündigt Freiheit und Toleranz, Selbstbestimmung und Anerkennung fremden Rechtes gehören zusammen wie Grund and Folge — das ist die Gesinnung, die durch die Aufklärung in die Welt getragen und die durch Lessing mit beispiellosem Nachdruck ausgesprochen wurde. Es ist freilich richtig, daß Lessing dieser Gesinnung (man denke an „Nathan", an „Ernst und Falk", an seine Erziehungsschriften) eine Begründung gegeben hat, die wenig Aussicht hat, sich vor der heutigen geistesgeschichtlichen Einsicht in allen Punkten zu behaupten. Ich meine seine Grundansicht von den Entwicklungsstufen der Religion, die Mythus, Dogma, Vorstellungen von Lohn und Strafe, Offenbarung usf. unter die Einstweiligkeiten verweist, welche im Grunde schon von dem „neuen, ewigen Evangelium" überholt und 431

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