Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Lessing
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 432 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Michel Lessing überflüssig gemacht worden sind. Hier wird der gestaltenfreie, im Unbedingten lebende Verstand zu schnell mit der sinnlich-historischen Materie fertig, die in jeder echten Religion gegeben ist, nicht als Belastung, sondern als Verkörperung, nicht als Trübung, sondern gerade als Zeugnis geistigen Wirkens auf das Diesseits. Nimmt man aber diese Gedanken Lessings als historische Gestaltungen, als Waffen in einem gewaltigen Kampf, der zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgefochten werden mußte, sollte das geistige Leben nicht in einer wüsten Überfremdung ersticken — so enthüllen sie ihren guten, hohen Sinn: sie mußten mit Gewalt auf das Unmittelbare deuten, auf die Notwendigkeit einer „völligen Einigung des Wahren und Guten mit dem menschlichen Geiste"1), auf lebendige Ergriffenheit jedes Einzelnen von seiner religiösen Pflicht Die Menschenfrage der Religion, die Tatfrage mußte gestellt werden. Die Menschen mußten aus der pseudoreligiösen Es-Welt, wo man sich um die Berechtigung fremdgewordener metaphysischer Dogmen zankte wie um Dinge, an denen es ein „Haben" und „Besitzen" gibt — sie mußten, sage ich, hinübergerufen werden ins Eigentliche, wo Religion geschieht, wo sie gelebt und durch die Tat anerkannt wird. Verfangen im Gezänk um das Mittel, mußte diese Menschheit zum Sinn und zum Ziel gerufen werden — und in solchen Augenblicken ist es nicht nur Recht, sondern Pflicht, den historischen Bereich zu verlassen und sich auf das Zeitlos-Ewige zu besinnen. Dies ist es, was Lessing getan hat Deshalb wird seine Gestalt und sein Wort immer wieder da erscheinen, wo die Dämonien überhand nehmen, wo der Menschheit im Streit um die Apparatur der Blick auf das Ziel verloren zu gehen droht Unvergeßlich hat Lessing, als Wortführer des edlen Impulses einer ganzen Zeit, uns eingeprägt, daß Duldung und praktische Freundschaft für alle Menschen zur Grundmaterie jeder Religion gehört; und wir können nicht wohl anders denken, als daß Gott selbst bestimmt hat, es müsse der unhistorische Gedanke überall da in die Menschenwelt einbrechen, wo die tote, schlackenhafte Ablagerung das lebendige Feld zu ersticken droht Daß die Menschheit in Parteiung, in Unterschiedenheiten und Entgegensetzungen lebt, das ist das ewig Selbstverständliche; denn es stammt aus der Natur. Nicht selbstverständlich aber und deshalb immer wiederholungspflichtig ist es, daß die Entgegensetzungen uns in erster Linie zu gelten haben als der Stoff, an dem sich unsere Menschlichkeit zu bewähren hat *) Gerhard Fricke, „Der relig. Sinn der Klassik Schillers" (München, Chr. Kaiser). 432