Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Lessing
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 430 (sequence 1)
- Language
- German
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Lessing Von Wilhelm Michel Zum 22. Januar 1929 In der Geistesgeschichte halten sich manchmal Werturteile, die aus bestimmten historischen Lagen erwachsen sind, erstaunlich lange lebendig. Dazu zählt auch die Bewertung der „Aufklärung". Auf ihrer Besiegung, auf ihrem Tod liegt der Glanz der Sturm- und Drang-Zeit und die mächtige Stimme der Jünglinge, die damals ihren großen Weg begannen. Weil diese Jünglinge, diese Herder, Schiller, Goethe, gegen gewisse Vereinseitigungen der „Aufklärung" streitbar vorgehen mußten, ist die Aufklärung selbst in einen jahrhundertlangen Mißkredit geraten. Es ist darüber vergessen worden, daß die deutsche Klassik nach wesentlichen Gesichtspunkten die Weiterführung und Vollendung der Aufklärung gewesen ist Es ist erst recht darüber vergessen worden, daß schon die eigentliche, enger gefaßte Aufklärungsperiode Außerordentliches geleistet hat Vor dem landläufigen Urteil steht sie als ein Sklavenauf stand des dürren Rationalismus gegen die tieferen, die stiftenden Lebensrmächte. Historisch aber ist sie ein ewig denkwürdiger Krieg der hellen Menschenkräfte gegen eine wilde und gefährliche Aufbäumung der Dämonie. Gewiß läßt sich von höherer Warte aus die gesamte europäische Tendenz seit der Renaissance als Aufklärungstendenz betrachten; es erscheint dann die gesamte geistige Entwicklung seit dem Ausgang des Mittelalters als ein einziger, ständig fortschreitender Siegeszug des Aufklärungsgedankens. Als dessen Inhalt hat Korff *) neuerdings angegeben „die Erkenntnis des Ur- und Grundrechtes jedes Menschen auf Selbstbestimmung, des Freiheitsrechtes der Persönlichkeit". Aber in der schmerzlich sich weiterkämpfenden historischen Wirklichkeit verläuft ein solcher jahrhundertelanger Siegeszug nicht auf gerader Bahn, sondern mit vielen mäandrischen Ausbuchtungen und gegenläufigen Figuren. Und so ist auch die Zeit vor der im engeren Sinne so genannten „Aufklärung" eine Zeit schlimmer Dämonien, eine Zeit krasser und greller Ver- *) H. A. Korff, „Sturm und Drang im Zusammenhang der Geistesgeschichte" (Leipzig, Quelle & Meyer). 430