Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
428 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895481-2899256--03099-2899303
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Felix Aber Wort chanun, gnädig, nichts anderes als die göttliche Gnade ohne eigenes Verdienst des Menschen." *) Obgleich die Gerechten die Möglichkeit hätten, den Lohn für die eigenen Taten zu erwarten, erflehen sie doch die unverdiente Gnadengabe Gottes. Raschi fußt hier auf einer Stelle im Sifre (halachischer Kommentar zum 4 und 5. Buch Mose), die folgenden Wortlaut hat: „Zwei gute Führer hatte Israel, Mose und David. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, ihre Verfehlungen durch ihre guten Taten auszugleichen, doch sie erflehten von Gott, daß er ihnen unverdiente Gnade zuteil werden lasse. Wer nur einer von den vielen Tausenden und Myriaden ihrer Schüler ist, um wieviel mehr hat er Grund, die unverdiente Gnade Gottes zu erflehen." Eine tiefe Sehnsucht nach unverdienter Gnade kommt in diesen Worten zum Ausdruck. Die eigene Tat verliert nicht ihre Bedeutung, aber jede Vergröberung des Gedankens an Lohn und Strafe wird durch solche Anschauung verhindert Eindringlich wird zum Bewußtsein geführt, daß für höhere Religiosität mit dem Ausspruch „Sei sorgfältig in der Erfüllung eines jeden Gebotes, des leichten wie des schweren, denn Du kennst nicht den Lohn der Gebote; berechne Dir den Nachteil eines Gebotes gegenüber seinem Vorteil und den Vorteil eines Vergehens gegenüber seinem Schaden"2), nicht das letzte Wort gesprochen ist Dies deckt sich auch mit dem Standpunkt des Maimonides, daß der Hinweis auf Lohn und Strafe nur ein erzieherisches Mittel ist, daß aber Lohn und Strafe nicht die Motive unsres Handelns sein dürfen, sondern jede Tat um ihrer selbst willen geübt sein will. Am Schlüsse der Vorschriften über die Umkehr, T'schuwa, führt er aus, daß man nicht um der Segensverheißung der Thora willen religiös handeln soll, und nicht aus Furcht vor Strafandrohung die Vergehen meiden soll. „Wer von solchen Motiven geleitet Gott dient, dient ihm aus Furcht Propheten und Weise aber haben uns das Vorbild gegeben, Gott aus Liebe zu dienen, um keines Lohnes, in der Welt willen und nicht aus Furcht vor Strafe, sondern das Rechte zu tun, weil es das Rechte ist und dessen gewiß zu sein, daß um seinetwillen den Menschen das Heil zuteil werden wird." Bei der Ausführung dieses Gedankens verläßt den großen Denker seine Leidenschaftlosigkeit, mit der er sonst seine Ausführungen macht und ein starkes religiöses Gefühl kommt zum Durchbruch in den Worten: „Worin bestehe die angemessene Liebe, mit der man Gott lieben soll? Groß und stark muß solche Liebe sein über alle i) zu V, 3, 23. — 2) Abotb. II, i. 428

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.