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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 429

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
429 (sequence 9)
Language
German
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Verdienst und unverdiente Gnade Maßen — seine Seele sei von solcher Liebe so voll, als taumle er von ihr, als sei er liebeskrank." Hier wird der Denker zum Dichter und empfindet die Wahrheit des Wortes, das Heinrich Heine im Hinblick auf Jehuda Halevi getsagt hat: „Wie im Leben, so im Dichten, Ist das höchste Gut die Gnade." Denn solche Gottesliebe ist ohne Gnadenbewußtsein undenkbar — Gott gegenüber fühlt man sich in untilgbarer Schuld, nimmt dankbar entgegen, „malnat chinnam", seine unverdiente Gnade. So ist der Midrasch von dem Schatz, aus dem Gott denen seine Gnade schenkt, die keine Verdienste aufzuweisen haben und nach der gerade die am meisten Verlangen haben, die die größten Verdienste besitzen, nichts anderes als ein wundersamer Kommentar zu den Worten des Antigonos aus Socho: „Seid nicht wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen in der Absicht, Lohn zu empfangen, sondern wie die Knechte, die ihrem Herrn dienen ohne die Absicht, Lohn zu empfangen^ und es sei Gottesfurcht über Euch-"1) Es mag kein Zufall sein, daß auch für die Grottesfurcht das gleiche Bild gebraucht wird, wie für die unverdiente Gnade, die Vorstellung eines besonderen Schatzes2): Rabbi Simon ben Jochai sagt: „Gott hat in seiner Schatz.- kammer nur einen Schatz: die Gottesfurcht der Menschen; denn es heißt: „die Gottesfurcht ist sein Schatz".3) Was nicht in Gottes Hand liegt, ist die Gottesfurcht der Menschen und was nicht in des Menschen Hand liegt, ist die freischenkende göttliche Gnade. Sie zu erlangen, ist für den religiösen Menschen das schönste Glück, der höchste, der wahre Lohn. Ohne sie vermag er nicht zu leben, denn Gottes Gnade schenkt Licht und Farbe seinem Leben. Dies alles faßt der Sifre4) in ein einziges Wort zusammen, in das Wort des Priestersegens: wichunecka — er sei Dir gnädig: durch unverdiente Gnade. i) ibid. I, 3. — 2) B'rachoth 33 b. — 3) Jes. 3i, 6. — *) zu IV, 5, z5. 429

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