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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 427

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
427 (sequence 7)
Language
German
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Verdienst und unverdiente Gnade Die Heilswirkung des „Verdienstes der Väter" kann aber nur bedingt als Akt unverdienter Gnade angesprochen werden. Im Midrasch wird die Vorstellung von der unverdienten Gnade noch reiner ausgeprägt Zunächst in dem Sinne, daß die göttliche Gnade weit mehr schenkt als es das menschliche Verdienst zuläßt Das dankerfüllte Wort des heimkehrenden Jakob: „Ich bin zu gering für all die Gnadentaten und all die Liebe, die Du Deinem Knechte erwiesen hast"1), hat diesen Gedanken auf die klassische Formel gebracht Raschi erklärt es mit den Worten: „Meine Verdienste schwinden dahin angesichts der Gnadentaten und der Treue, die ich Dir verdanke." In ähnlicher Weise deutet der Agadist das Schriftwort: „Dein, o Gott, ist die Gerechtigkeit und unser die Scham des Angesichtes.2) Selbst wenn wir das Rechte tun, blicken wir auf unsere Taten und uns Deine Gnade vor Augen führend, überkommt uns ein Gefühl der Beschämung." 3) Der Midrasch jedoch geht noch weiter und spricht direkt von unverdienter Gnade, „matnat chinam" bezw. „chessed chinam". Die Anschauung über unverdiente Gnade in diesem uneingeschränkten Sinne wurzelt in dem Worte Gottes an Mose: „Ich schenke Gnade dem, dem ich gnädig bin, und erbarme mich dessen, gegen den ich mich barmherzig zeige." *) Hierzu bemerkt der Midrasch folgendes: „In dieser Stunde zeigte Gott dem Mose alle Schätze, die für die Belohnung der Frommen bereitstehen. Für ein jedes Verdienst ein bestimmter Schatz. Mose fragte: „Für wen ist denn dieser Schatz be-. stimmt?" Gott erwiderte: „Für diejenigen, die sich mit der Thora beschäftigt haben." „Und für wen dieser hier?" „Für die, die sich mit Liebeswerken beschäftigten." So ließ sich Mose die Bestimmung eines jeden Schatzes sagen. Schließlich zeigte ihm Gott einen besonders ansehnlichen Schatz und Mose fragte nach seiner Bestimmung, worauf er die Antwort erhielt: „Wer gute Werke aufzuweisen hat, der erhält seinen Lohn von dem hierfür bestimmten Schatz, wer aber keine Verdienste hat, dem schenke ich aus freiem Ermessen aus diesem Schatze hier."5) Und ein Kommentator6) bemerkt hierzu sehr schön: „Wie groß muß doch dieser Schatz sein, da so viele seiner bedürfen." Aber auch dieser Midrasch will die Grundvorstellung der jüdischen Gnadenlehre, daß das eigene Streben die Gnadenwürdigkeit erst herstellen müsse, nicht aufheben. Gerade von diesem Schatze wollen nicht nur die leben, die arm an eigenen Verdiensten sind. So bemerkt Raschi einmal : „Überall bedeutet das J) I, 32, ii. — 2) Daniel 9, 7. — 3) Sch'moth rabba 4i. — *) II, 33, 19. — 5) Scb'moth rabba 45, Ende. — *) Wolf Einhorn. 427

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