Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Verdienst und unverdiente Gnade
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 426 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Aber Hand." *) Der Ton wird offenbar von Rab auf den zweiten Teil des Verses gelegt: kein Mann, kein Mensch, vermag sie aus meiner Hand zu erretten. Man verzichtet lieber auf die Vorstellung vom „Verdienst der Väter", ehe man einer mißverständlichen Deutung Raum gibt Doch dieser Gedanke hatte zu sehr im Herzen des Volkes Wurzel gefaßt, als daß er aus ihm gerissen werden konnte. Die Zeiten änderten sich und Rabbi Acha, ein palästinensischer Amoräer der vierten Generation, vertritt den Standpunkt: für immer hat das Verdienst der Väter Bestand.2) Rabbi Acha aber ist ein Zeitgenosse des Kaisers Julianus Apostata, der das Christentum bekämpfte und das Heidentum zu restaurieren hoffte. Er billigte nach der Vermutung Bachers3) den Plan des Kaisers, den Tempel wieder zu erbauen. In dem Augenblick also, in dem die Gefahr der christlichen Propaganda beseitigt zu sein scheint, wird sofort das Bekenntnis zur Fortdauer des Gedankens des „Verdienstes der Väter" abgelegt Diese Episode aus der Geschichte des S'chus Owaus-Gedankens zeigt deutlich, welchen Wert man darauf legte, das jüdische Gnadenerleben vom christlichen scharf zu scheiden. Das Verdienst der Väter erübrigt nicht das eigene Streben. Es stellt kein Privileg dar, das den Kindern Tatenlosigkeit und müßiges Ausruhen auf den Lorbeeren der Ahnen gestattet, sondern es beschert den Nachkommen das Glück, ein Beispiel zu besitzen, dem nachzueifern lohnt Deshalb wird an der zuletzt erwähnten Midraschstelle der Ausspruch Rabbi Achas eingeleitet durch das Wort Rabbi Berachjas: „Wenn Du siehst, daß das Verdienst der Väter und Mütter zu schwinden droht, dann gehe Du und beschäftige Dich mit Liebestaten." Und doch schafft das eigene Streben keinen absoluten Anspruch auf die göttliche Gnade. Der Talmud überliefert einen Ausspruch Rabbi Isaaks: „Wenn Dir einer sagt: ich habe mich bemüht, aber nichts erreicht, glaube ihm nicht; ich habe mich garnicht bemüht und doch etwas erreicht, auch das glaube nicht; wer aber sagt, ich habe mich bemüht und es erreicht, der ist glaubenswürdig. Doch inwieweit gilt nun dies? Von den Worten der Thora, dem geistigen Streben. Im Handel und Wandel dagegen ist alles von dem gnädigen Beistande Gottes abhängig. Selbst bei dem Studium der Thora muß eine Einschränkung gemacht werden. Unser Wort gilt nur hinsichtlich der Schulung des Scharfsinnes, die Bewahrung des Stoffes im Gedächtnis dagegen bleibt Sache des göttlichen Beistandes." 4) *) 2, 12. — 2) Wajikra rabba 36, Ende. — 3) Palästinensische Amoräer III, 8, in.— *) Megillah 6 b. 426