Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Verdienst und unverdiente Gnade
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 425 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Verdienst und unverdiente Gnade dienst der Väter zu berufen.1) In dem bedeutsamen Kapitel 18, in dem Ezechiel die Verantwortung eines jeden Menschen für sein eigenes Leben feststellt, gebraucht er die Wendung: „Wenn ein Mann gerecht ist, Recht und Gerechtigkeit übt und Götzen geweihten Bergen zugewandt nicht ißt" 2) Das Wort harim, Berge, klingt an horim, Eltern, an, und unter Verwendung einer eigentümlichen exegetischen Methode, der sogenannten al tikra-Deutung (lies nicht: harim, Berge, sondern horim, Eltern) gelangt ein Amoräer zu der Deutung, daß der, wahrhaft Fromme nicht von dem Verdienste der Väter lebe." 3) „Wenn Du von dem Verdienst deiner Hände lebst, heil Dir, es geht Dir gut!" sagt der Psalmist4) Andrerseits ist es ein Beweis rührender Pietät, daß der Jude einen Erfolg im Leben nicht dem eigenen Verdienste zugute schreibt, sondern ihn auf das Verdienst seiner Väter zurückführt, als möchte er damit bekunden wollen: Das Beste, was ich vermag, verdanke ich dem Erbe meiner Väter. Wo aber umgekehrt eine Verschuldung der Väter vorliegt, da vermeidet er es, der Vergangenheit einen Vorwurf daraus zu machen. Deshalb die taktvolle Wendung in unserem Festtagsgebet: „Wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Lande vertrieben." Aber noch eine andere Gefahr, die aus dem Gedanken des Verdienstes der Väter sich ergeben konnte, wurde von unseren Weisen frühzeitig erkannt Sie ist von religionsgeschichtlicher Bedeutung. Das „Verdienst der Väter" im prägnanten Sinn bedeutet nämlich das Verdienst der Stammväter Abraham, Isaak und Jakob. Ihr verdienstvollen Wirken verbürgt Israel die göttliche Gnade. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Gedanke auch in der frühchristlichen Propaganda eine Rolle gespielt hat und eine Analogie bildete für den Glauben an das Verdienst Christi. Weil das Verdienst der Väter ein so volkstümlicher Begriff war, brauchte die christliche Propaganda nur an ihn anzuknüpfen, um dem Glauben von der erlösenden Kraft des Opfertodes Eingang zu verschaffen. Von hier aus fällt Licht auf einen merkwürdigen Streit im Talmud5) über die Frage, wann das „Verdienst der Väter" erloschen. Der große Talmudlehrer Rab lehrt seit den Tagen des Propheten Hosea und beruft sich auf dessen Wort: „Nunmehr will ich ihre Entstellung zeigen in den Augen ihrer Liebhaber und ein Mann soll sie nicht erretten aus ihrer x) Midrasch zu Koheleth i, i. — 2) Vers. 6. — 3) Sanhedrin 81 a. — *) Ps. 128, 2, vergl. Bamidbar rabba 8.-5) Schabbath 55 a. 425