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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 424

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
424 (sequence 4)
Language
German
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Felix Aber er ilrnen die Thora und die Gebote." *) Durch das erworbene Verdienst wird der sittliche Verdienststand des Menschen vermehrt Aber bei diesem Gedanken bleibt der Midrasch nicht stehen. Die sittliche Tat ist nicht nur eine Angelegenheit des einzelnen Menschen, sondern eine Chance, die der ganzen Welt zugute kommt Eine besondere Verantwortlichkeit und Verpflichtung entspringt diesem Gedanken. Der Talmud hat ihm die Formulierung gegeben: „Immer betrachte der Mensch sich so, als sei er zur Hälfte schuldig und zur Hälfte unschuldig. Und bei der ganzen Menschheit sei dies in gleicher Weise der Fall. Auf seine Tat kommt es in jedem Augenblicke an. Ist sie eine gute, dann heil ihm und heil der ganzen Menschheit! — ist sie jedoch ein Fehlschritt, dann wehe ihm, denn nicht allein für sich, nein für die ganze Welt hat er das „Schuldig" erwirkt" 2) So übt der Mensch durch die Kraft des S'chus, das er sich erworben hat, geradezu einen kosmischen Einfluß aus. Dem S'chus verdankt er es, daß ihm die Gnade Gottes zuteil wird. Doch nicht nur ihm steht sie bei, sie überdauert noch seine Tage und kommt seinen Kindern zugute. Als Israel in der Wüste sündigte, so erzählt der Midrasch, da stand Mose vor Gott und betete viele Gebete. Doch vergebens! Erst als er flehte: „Gedenke des Abraham, Isaak und Israels.3) Ich erflehe von Dir, erlöse sie aus der Gewalt der Engel des Todes, gedenke des Verdienstes der Stammväter I" fand er Erhörung.4) Und im Anschluß an ein Psalmwort wird der schöne Vergleich gemacht: „Wie der Weinstock an dürres Holz sich lehnt und so sprießt und gedeiht, so lebt auch Israel durch das Verdienst der Väter, wenn auch diese bereits tot sind."5) So liegt im Gedanken des „Verdienstes der Väter" ein Ansatz von Anschauungen unverdienter Gnade. Die Gnadenwürdigkeit ist hier nicht selbst verdient, sondern das verdienstvolle Tun der Väter ist den Kindern ein Schulz und Segen; dank den Taten der Ahnen wendet sich den Nachkommen die göttliche Gnade zu. Zwiefältig hat das jüdische Empfinden auf diesen Gedanken reagiert. Einerseits hat es die Gefahr wohl gefühlt, die dem eigenen Willen zu rechtem Tun hieraus erwuchs, andererseits die Beglückung und den Trost gern angenommen, die dieser Gedanke schenkte. Es ist nach der Auffassung unserer Weisen unreligiös, diese Art unverdienter Gnade für sich in Anspruch zu nehmen, auf das Verdienst der Väter sich zu stützen. Erst der sündhafte König Salomo vermag sich auf das Ver-!) Mischna Makkoth III, Ende. — 2) Qidduschin 4o. — 3) II, 22, 19. — *) Schabbath 3o a, vergl. Debarim rabba 3. — 5) Midrasch zu Ps. 80, 9, vergl. Sch'motb rabba 44» 424

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