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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 423

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
423 (sequence 3)
Language
German
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Verdienst und unverdiente Gnade göttliche Gnade wirksam sei, wo der Mensch sich selber bemühe, das Rechte zu tun. Wenn der Mensch bis zu dem Punkte strebend gelangt ist, an dem die Grenze seiner Kraft von der Natur gesteckt ist, dann vollendet die Gnade das Werk. Israel spricht vor Gott: „Du kennst doch die Kraft des bösen Triebs." Da antwortet Gott seinem Volke: „Beseitigt ihn nach Eurer Kraft ein wenig in dieser Welt, und ich werde dann völlig Euch von ihm befreien." x) Nur das eigene Schaffen und Wirken macht uns der göttlichen Gnade würdig. Tatenlos das Heil zu erhoffen, die göttliche Gnade zu erwarten, geziemt sich nicht für den rechten Juden. Zwischen der rechten Tat des Menschen und der göttlichen Gnade steht nun ein Vorstellungskomplex, den das Wort S'chus2), Verdienst, bezeichnet Weder die Vergeltungslehre noch die Gnadenlehre des Judentums kann dargestellt werden ohne die Würdigung dieses S'chus-Gedankens. Nach jüdischer Anschauung findet nämlich jede rechte Tat ihren Lohn in der Schaffung eines Verdienstes, eines S'chus. Aber dieser Lohn ist ein Lohn eigener Art. Nicht der Frucht vergleichbar, die gepflückt und genossen wird, sondern einer neuen Kraft gleichend, die geweckt wird. Sie tritt von nun an in Wirkung und kommt demjenigen zugute, aus dessen Tat sie erwuchs. Aber sie wird darüber hinaus eine Wirksamkeit entfalten, die die Kinder und späteren Geschlechter noch fördern kann. Der S'chus-Gedanke ist das Gesetz der Erhaltung der Energie in der Welt des Religiösen und Sittlichen. Die auf eine religiöse, eine sittliche Tat verwandte Willensenergie hat sich umgesetzt in eine wertvolle Kraft von bleibender Bedeutung. Insofern ist der S'chus-Gedanke ein Element jüdischer Vergeltungslehre. Aber er ist zugleich auch ein Bestandteil jüdischer Gnadenlehre. Wer ein S'chus hat, dem erweist Gott seine Gnade. Die Gebote sollen geübt werden, um ein S'chus zu erwerben. Dieser Gedanke wird durch das bekannte Wort ausgesprochen: „Gott will, daß Israel zu einem S'chus gelangt, deshalb lehrte 1-) Bamidbar rabba i5. 2) Das Wort S'chus (im Hinblick auf die große Volkstümlichkeit des Begriffes ist die askenasische Aussprache des Wortes S'chus beibehalten) entstammt der Gerichtssprache und ist das Abstraktum zu „sakkai" rein, unschuldig. Es kommt im biblischen Hebräisch noch nicht vor, wird aber in alten talmudischen Quellen zur Umschreibung des Wortes Zedek, Zedaka gebraucht. So wird in Makkoth 3oa das Wort „Richte in Gerechtigkeit deinen Nächsten" (III, 19, i5) erklärt: Beurteile deinen Nächsten nach der Seite des S'chus hin, d. h. bemühe dich, seine Motive zu verstehen, auf daß er gerechtfertigt ist. In den Targumen, den ältesten Bibelüberseteungen in aramäischer Sprache, wird das Wort zur Wiedergabe von Zedaka benützt, wenn dieses die Bedeutung „Rechtfertigung vor Gott" hat. Vgl. I, i5, 6; V, 6, 25. Hierdurch bekommt das Wort seinen positiven Bedeutungsinhalt: Verdienst. \ 423

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