Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Verdienst und unverdiente Gnade
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 422 (sequence 2)
- Language
- German
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Felix Aber einen schlechten Dienst erwiesen. Das Bild des Judentums wurde in einem wesentlichen Punkt verzeichnet Wer Apologetik treibt, kann eben der Totalitat einer Lehre nicht gerecht werden. Denn es liegt im Wesen einer jeden Apologetik, nur einen Teil, den umstrittenen, in helle Beleuchtung zu rücken, alles andere aber im Dunkeln zu lassen. Es dauert dann nicht lange, und man meint, daß das, was man nicht sehe, auch nicht vorhanden sei. Es ist an der Zeit zu betonen, daß hier eine schwere Verkenn ung des Judentums vorliegt, und daß das Wort der Porzia im „Kaufmann von Venedig" auch der innersten Überzeugung des Judentums entspricht: erwäge dies, Daß nach dem Lauf des Rechtes unser keiner Zum Heil gelangen könne. Wir beten all um Gnade. Mag auch wenig von der Gnade in modernen Darstellungen des Judentums enthalten sein, um so mehr ist in unseren Gebeten von ihr die Rede. Nicht wegdenkbar ist die Hoffnung auf Gnade aus den Gebeten der Hohen Feier"- tage. Sie erfüllt uns, wenn das Schofar am Rausch Haschonoh erschallt, wie es ein Wort des Midrasch so schön sagt: „In der Stunde, in der Israel zum Schofar greift, und ihn vor Gott ertönen läßt, erhebt sich der Allmächtige vom Thron des Rechtes und nimmt Platz auf dem Thron der Gnade, erfüllt sich mit Barmherzigkeit, erbarmt sich Israels und verwandelt das Recht in Gnade."1) Nicht wegdenkbar ist die Hoffnung auf Gnade aus den Gebeten des Versöhnungtages. Denn was uns am Versöhnungstage Mut gibt, die Verzeihung unserer Sünden zu erhoffen, ist der Ausblick auf Gottes Gnade. Ja, mit jedem Morgen aufs Neue führen wir uns diesen Gedanken vor Augen: „Nicht auf unsere gerechten Taten können unsere Gebete Bezug nehmen, sondern nur an Deine große Barmherzigkeit sich wenden." Das Judentum ist von der Gnadenbedürftigkeit des Menschen aufs tiefste durchdrungen und das Wort der Porzia steht fast wörtlich im Midrasch: „Wir bedürfen All der Gnade, selbst ein Abraham." 2) Dies verkennen, bedeutet im Talmud: den Sinn des Gebetes verkennen: „Wer sein Gebet zu einer ständigen Übung macht, dessen Gebet hört auf, ein Flehen um Gnade zu sein." 3) Dennoch ist ein fundamentaler Unterschied zwischen jüdischem und christlichem Gnadenerleben. Im schroffen Gegensatz, namentlich zur Gnadenlehre eines Luther, ist das Judentum davon durchdrungen, daß nur dort die *) Wajikra rabba 29. — 2) B'reschith rabba 60, 2. — 3) Mischna B'rachoth IV, 4. 422