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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 421

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
Verdienst und unverdiente Gnade
Date
1928-12-01
Page
421 (sequence 1)
Language
German
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Verdienst und unverdiente Gnade Von Felix Aber In seinem „Spektrum Europas" bemerkt Keyserling einmal1), daß der Erlösungsgedanke aus jüdischer Perspektive direkt des Sinnes entbehre, das religiöse Grunderlebnis des Juden sei das des Gebotes, es fehle jedwede Verständigungsmöglichkeit des Christentums, da der Jude für das Gnadenerlebnis nicht das Organ besitze. Wenn man diese Bemerkung liest, erinnert man sich der beweglichen Klage Max Brods in seinem Werke „Heidentum, Christentum, Judentum" über den Verlust eines jungen jüdischen Dichters, der dem Judentum den Rücken zukehrte, weil er seine Hoffnung auf Gnade, ohne die er nicht leben konnte, als etwas Unjüdisches ansah; jüdisch sei nur das Pochen auf die eigene Kraft, auf die eigene Güte, auf die menschliche Willensfreiheit und Wahrheit2) An einer solchen Beurteilung ist die moderne jüdische Literatur nicht ganz schuldlos. Formulierten doch die jüdischen Apologeten des rg. Jahrhunderts den Gegensatz zwischen Judentum und Christentum in der Weise, daß im Judentum der Schwerpunkt in der dem freien Willen des Menschen entspringenden sittlichen Tat liege, während im Christentum die göttliche Gnade der Weg zum Heile sei. Es lag freilich im Zuge einer rationalistisch gerichteten Zeit ein religiöses Erlebnis, wie es das Gnadenbewußtsein ist, an die Peripherie der Betrachtung zu rücken, wenn nicht ganz auszuschalten. Es entzog sich so ganz und gar der begrifflichen Erfassung durch den Verstand. So konnten bis in unsere Tage hinein umfangreiche Werke über jüdische Religion geschrieben werden, ohne daß der Gnade die ihr gebührende Stellung eingeräumt wurde. Mit dieser Einstellung hat man der Geltung jüdischer Religiosität i) S. 4i8. — 2) I., S. 84. 42t

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