Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 412 (sequence 3)
- Language
- German
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Julius Lewkowitz der jüd. Refonngemeinde spricht über den „Einfluß des liberalen Judentums auf die soziale Arbeit". Er sieht das Wesen des Liberalismus in der absoluten Wahrung der reinen jüdischen Gottesidee, „die über alle lokalen und zeitlichen Gebundenheiten hinausgehoben werden muß ins Menschheitliche hinein. Weder mythologische Vorstellungen, noch dogmatische Formulierungen dürfen die Idee fesseln, der in rein logischer Erkenntnis die Möglichkeit gegeben sein muß, sich gemäß dem Fortschritt des Denkens und der Kultur stetig zu entwickeln. Aus der absoluten Heiligkeit Gottes ergibt sich, daß die einzig angemessene Form der Gottesverehrung das sittliche Tun ist. Die einzigen religiösen Einrichtungen der jüd. Gemeinde können daher nur Lehrhaus, Gotteshaus und soziale Einrichtungen sein. Der Ritus überwuchert im überlieferten Judentum die sittlichen Lehren, auch die soziale Idee wird nicht in ihrer zentralen Stellung erkannt. Erst das liberale Judentum schafft neben den neuen Lehrhäusern soziale Einrichtungen großen Stils. Aufgabe des heutigen Liberalismus ist es, dafür zu sorgen, daß die sozialen Einrichtungen nicht ausschließlich nach orthodoxer Anschauung gestaltet werden lind daß die soziale Forderung der Ruhe für Knechte und Mägde, die am Sabbat nicht möglich ist, durch Gottesdienst und Arbeitsruhe am Sonntag verwirklicht werde. In der mehrstündigen Diskussion, die am Montag stattfand, kam die Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der Anschauungen zum Vorschein, die innerhalb des liberalen Judentums vorhanden sind. Dr. Lehmann hatte der Vernunft das alleinige Richteramt in Fragen des Glaubens zuerkannt und Phantasie und Gefühl in ihrer religiösen Bedeutung zurückgedrängt. Demgegenüber betonte Rechtsanwalt Stern den Gefühlscharakter des Glaubens und das heilige Recht des Herzens. Darüber hinausgehend sieht Dr. Max Wiener im Göttlichen das absolut Unerkennbare und über alle naturhafte Wirklichkeit Hinausgehobene. Zwischen Religion und Wissenschaft besteht ein unversöhnlicher Gegensatz. Die Grundtatsache der Religion ist die übernatürliche Offenbarung Gottes, die nur geglaubt, aber wissenschaftlich, nicht erkannt werden kann. Die Grundfrage des Liberalismus besteht demnach darin, ob dieser Glaube für den modernen Menschen noch möglich ist. Das Problem Persönlichkeit und Tradition will Dr. Dienemann-Offenbach dahin lösen, daß dem einzelnen die Entscheidung freistehen soll, während Dr. Schulmann-New-York im Individualismus die Gefahr des liberalen Judentums sieht und die Frage stellt, auf welche Weise Autorität, Lebensnorm und Einheit des liberalen Judentums gewonnen werden können. Über die Bedeutung der Riten urteilt Dienemann so geringschätzig, daß ihm jede ausführliche Behandlung dieser Frage überflüssig erscheint, und Lehmann sieht in ihnen sogar eine Trübung des Judentums. Im Gegensatz hierzu weist Prof. Elbogen auf den unschätzbaren Wert seelenvoller religiöser Formen hin. Hatte Lehmann für den Liberalismus das Verdienst in Anspruch genommen, den fundamentalen Charakter der sozialen Idee zur Geltung gebracht zu haben, so hält ihm Elbogen entschieden vor, wie vielseitig und reich auch im überlieferten Judentum soziale Arbeit ge- 412