Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 413 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899117--03067-2899243- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum wesen ist. Er wirft die Frage auf, was denn die Reformgemeinde in den Jahrzehnten ihres Bestehens an großen Leistungen hervorgebracht habe und widerlegt so auch Dr. Gallniers Urteil, der zu Beginn der Diskussion auf die religiöse Bedeutung der Reformgemeinde begeistert hingewiesen hatte. Auch in der Frage nach dem Verhältnis zwischen Religion und Volk besteht ein offenkundiger Gegensatz, der nur deshalb nicht zu voller Entfaltung kommt, weil die Diskussion über den jüdischen Nationalismus aus formalen Gründen vermieden wird. Den Wert und die Notwendigkeit des Sich-Verbundenfühlens mit der jüdischen Gesamtheit betont auch der deutsch empfindende Rechtsanwalt Stern und spricht von der Gemeinschaft bildenden Wirkung des Sabbat und des hebräischen Elternsegens am Freitag Abend, während Woyda auch ohne diese traditionellen Formen seine Verbindung mit der jüdischenn Gesamtheit fühlt. Bei dieser Mannigfaltigkeit der Anschauungen drängt sich die Frage auf, ob die Tagung nicht ohne Ergebnis verlaufen ist und die Fülle der Meinungen nicht mehr verwirrend als klärend gewirkt hat. Daß nicht alle Erwartungen durch den Weltkongreß erfüllt worden sind, läßt sich nicht leugnen, und wer auf ein greifbares praktisches Ergebnis gehofft hatte, wird sich enttäuscht fühlen. Einzelfragen des religiösen Lebens aber, und mögen sie noch so bedeutungsvoll sein, können nicht auf Kongressen entschieden werden. Die Tagung des Weltverbands hat die deutschen Juden aus der Lage ihres isolierten Lebens herausgeführt und ihnen die Macht des liberalen Gedankens in der Welt zum Bewußtsein gebracht. Trotz aller Verschiedenheit der Anschauungen trat die Linie der kommenden Entwicklung deutlich hervor. Es wäre zwar wünschenswert gewesen, wenn die Frage der religiösen Autorität und Einheit nicht nur vorübergehend mit wenigen Worten, sondern ausführlich und in einer der grundlegenden Bedeutung des Problems angemessenen Form besprochen worden wäre. Die Frage nach dem Wert der Riten und Formen hätte eine eingehende wissenschaftliche Darstellung erfordert. Es wäre der Unterschied zwischen einer organischen und unorganischen Entwicklung des Judentums deutlich sichtbar geworden. Obwohl also die Diskussion nicht so programmatisch verlief, wie es wünschenswert gewesen wäre und die Grundprobleme nicht genügend herausgearbeitet wurden, so hat doch die Aussprache einen deutlichen Eindruck zurückgelassen: nicht nur die deutschen, sondern auch die englischen und amerikanischen liberalen Juden haben den Radikalismus zurückgewiesen, der auf das jüdisch geschichtliche Empfinden keine Rücksicht nimmt und die Einheit des Judentums in Gefahr bringt. Sie haben deutlich erkennen lassen, daß sie eine Entwicklung des Judentums nur aus den Voraussetzungen seiner Geschichte für richtig halten. Das bedeutet nicht nur den Sieg der Besonnenheit und des wissenschaftlichen Denkens, sondern ist auch ein unverkennbares Zeichen für die Kraft und Instinktsicherheit ihres religiösen Gefühls. In ihr erblicken wir die sicherste Bürgschaft für die Zukunft des Judentums. 28* 413