Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899117--03065-2899241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Tagung des Weltverbands Zeugnis ablegt von Gott. Solche Botschaft soll auch das liberale Judentum der Menschheit bringen. Das liberale Judentum entsteht mit der Neuzeit. Sie ist gekennzeichnet durch den Eintritt der Juden in die Welt. Die Juden des Ghettos wohnten in der Welt, aber lebten nicht in ihr; seitdem wir in ihr leben und wirken, müssen wir uns mit ihren Anschauungen und Ansprüchen auseinandersetzen. Die Neuzeit ist ferner gekennzeichnet durch die Befreiung der Persönlichkeit. Sie ist jetzt nicht nur Teil der Gesamtheit, sondern gewinnt ihr eigenes Leben und ihr besonderes Recht. Die Auseinandersetzung mit der Neuzeit ist das große Verdienst der Männer, die das Judentum neu gestalteten, vor allem Abraham Geigers. Doch so dankbar wir ihre Leistung auch anerkennen, ohne die anders der heutige Liberalismus noch die Orthodoxie der Gegenwart vorhanden wäre, wir sehen aus geschichtlicher Entfernung auch ihre Fehler und Schwächen. Sie begnügten sich mit der Neugestaltung der Ornamente, dem Unwesentlichen und Kleinlichen. Wir aber suchen heute das Wesentliche, die Linie, das Konstruktive und Entscheidende. Worin es liegt, lehrt uns eine kühne Hagada des Talmud. Gott will dem Volke die Gesetzestafeln nachdem es gesündigt hat, nicht von neuem geben, weil er weiß, daß es abermals sündigen wird. Mose aber kämpfte mit Gott und entreißt mit starker Hand ihm die Tafeln, um sie seinem Volke zu bringen. So muß auch der liberale Jude um sein Gesetz und seine Religion ringen und kämpfen. Er besitzt nicht wie der Orthodoxe eine feste Gesetzgebung, sondern muß sich 8ein Judentum erringen und schaffen. für religiös-liberales Judentum Bringen wir als religiöse Menschen so unsere Botschaft von Gott, dann segnet uns Gott, so wie er einst Mose gesegnet hat. Durch seine starke Ergriffenheit und die künstlerische Schönheit der Form hatte Baeck der Versammlung eine Weihestunde bereitet. Die sich anschließenden Spezialreferate ergänzten seine Ausführungen. Montefiore betont den hohen Wert der Religion für das menschliche Leben überhaupt und besonders den der geschichtlichen Form der Religiosität, in die der Mensch hineingeboren ist. Dem steht die schwere Krise des orthodoxen Judentums gegenüber, das den im westlichen Kulturkreis erzogenen Menschen immer weniger befriedigt und Unzählige religionslos zu machen droht, wenn sie nicht den Anschluß an das liberale Judentum finden, wo sie selbst um die Ideen und die Gestaltung ihres Lebens zu ringen haben. Der gleichen Grundlinie folgte auch Dr. David Philipson- Cincinnati (Ohio), der zeigte, wie im Judentum stets individuelle und Gemeinschaftsreligion miteinander im Kampfe lagen. Häufig hat die Rücksicht auf die Gemeinschaft gesiegt, aber die Persönlichkeit hat immer wieder ihr Recht zu erringen gesucht. Der Ghassidismus ist als Protest der Religion des Individuums gegen die kodifizierte offizielle Religion entstanden. Ebenso beruht der jüdische Liberalismus auf der Betonung des Rechtes des Individuums. Den rechten Ausgleich zu finden zwischen Gemeinschafts¬ und IndividualreUgion, „Freiheit in der Vereinigung" zu suchen, muß das Motto des liberalen Judentums der Gegenwart und Zukunft sein. Dr. Joseph Lehmann-Berlin, Prediger 28 411