Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 410 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Tagung des Weltverbands für religiös-liberales Judentum Von Julius Lewkowirz Der vor zwei Jahren in London gegründete Weltverband für religiös-liberales Judentum hielt vom 18.—21. August d. Js. seine Tagung in Berlin ab. Zu ihr waren in großer Zahl Delegierte aus Deutschland, England, Amerika, Frankreich, Schweden und andern Ländern erschienen. Den feierlichen Auftakt der Tagung bildete ein Festgottesdienst in der neuen Synagoge, bei dem Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. die Predigt hielt. Nach Sabbat-Ausgang erfolgte durch Claude Montefiore, dem Präsidenten des Weltverbands, im stark überfüllten Plenarsaal des Herrenhauses, auch vor Vertretern der Regierung, die Eröffnung des Kongresses. Rechtsanwalt Heinrich Stern, der Vorsitzende der deutschen Vereinigung für das liberale Judentum, begrüßte darauf die Versammlung und nach weiteren Begrüßungsansprachen berichteten die Delegierten der verschiedenen Länder über die Entwicklung des Liberalen Judentums seit der Londoner Tagung. Am darauffolgenden Tage veranstaltete die Reformgemeinde in ihrem Gotteshause einen Festgottesdienst, der «ein besonderes Gepräge durch die Predigt der Frau Lily H. Montagu-London erhielt. Im Plenarsaal des Herrenhauses begannen alsdann die angekündigten Referate. Das Hauptreferai hielt Rabbiner Dr. Leo Baeck über ..Die Botschaft des liberalen Judentums an das moderne Leben''. Botschaft, so führte der Redner aus, ist nicht gleichbedeutend mit Verkündigung oder Predigt. Man hat das liberale Judentum das predigende Judentum genannt, und von dem Judentum manches Liberalen bleibt tatsächlich nach Abzug der gehaltenen oder gehörten Predigt nicht viel übrig. Was aber Botschaft bedeutet, zeigen uns Israels Propheten. Sie sprachen zum Volke, doch weder als Gelehrte, noch als Demagogen. Sie erlebten vielmehr in ihrer Seele das Geheimnis der Offenbarung Gottes. Dieses Unaussprechliche wollten sie in Worte fassen. Nicht leicht und gefällig strömt darum ihre Rede. Sie ringen und kämpfen und legen so Zeugnis ab für das Wirken des göttlichen Geistes. Nicht die Rede ist darum Botschaft, sondern nur der Mensch, der göttlichen Geistes voll ist und durch Sein und Wirken 410