Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die 7. Delegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 407 (sequence 3)
- Language
- German
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Die 7. Delegiertentagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands üblichen Rufe nach Wirklichkeit und Sachlichkeit — bei denen, denen die Kraft des Idealen nicht mehr, noch nicht, innewohnt. „Das Wort Sachlichkeit verdankt seine Entstehung einem Zeitalter, das in innerster Seele sich einen Rest von Scham dafür bewahrt hat, daß das Ideal doch so ohnmächtig ist. Es liegt wohl ein gewisses Ressentiment hier vor, das aus leise gefühlter, aber nicht eingestandener Not eine Tugend machen will." „Unsere Welt ist wirklichkeitsfreudig in dem Sinne, daß sie als wirklich nur das Wirksame, das in sichtbarer Gestalt sich aufbauende anerkennt." „Wir leben in der unendlichen Gefahr der Zersplitterung und völligen Verdampfung unserer geistigen Interessen." „Die ernste Sachlichkeit erzeugt als erste die Bescheidenheit, mit der wir uns darüber klar werden, was und wieviel von dem uns Dargebotenen wir aufnehmen können." So allein nur könne dieser Gefahr begegnet werden. Und zur Neutralität des Verbandes prägte Wiener die Formel: Sie sei nicht der Ausdruck von Vorsicht und Bequemlichkeit, Feigheit und Faulheit, sondern einmal von Besonnenheit, die vor dem Urteilen lernen will, dann aber vor allem Frucht des Glaubens, daß es ein wurzelhaft jüdisches gibt, ein positives, als die Voraussetzung für das Leben des jüdischen K'lall. Diese Formel bindet die Gegensätzlichkeit der eingangs gezeigten beiden Kreise zueinander, den Verband der Menge und die Führerschar des Älterenbundes — und weist sie aufeinander. Aber darum auch erhebt sich hier wieder die Frage, welches andere Recht beansprucht dieser Verband für sich als eben das der Gesamtheit? Und hier beginnt seine Gefahr für sich und die anderen: Für „die Arbeit der Bünde", führt Felsenthal aus, daß nicht Jugendpflege mehr oder Jugendbewegung getrieben werden dürfe, sondern der „Jugendbund" geschaffen werden müsse. Und das soll bedeuten, daß in ihm die gesamte junge Generation ohne Ansehen der Unterschiede von Partei und Gesinnung gesammelt werde und den Aufgaben des Augenblicks und der Gegenwart dienstbar gemacht werde. So hätte auch das Eigenleben der Jungmannschaft in diesem Bunde nur einen sehr beschränkten Raum und untersteht — eingegliedert in den großen Plan — bereits bewußt Gesetz und Ziel des Ganzen. Um des Lebens des Verbandes willen, ist jedem Teil sein Eigenleben genommen — obgleich doch das Leben des Verbandes wiederum nichts anderes ist, als das Leben der Gemeinschaft, diese aber sich doch aus allem verschiedenen und eigenwilligen Einzelleben zusammensetzt. Diesem Chaos des Ungestalteten zu steuern, entwirft Felsenthal so einen Plan des Aufbaus des Bundes, in dem aber sofort das bisher ausgeschlossene Prinzip der Auslese erscheint, und die drei Kreise des Bundes: den Werbekreis, der wesentlich nach außen hin wirken soll, den eigentlichen Arbeitskreis und die Gilde, die die Führerschaft zusammenschließen soll, voneinander scheidet. Der Verband ist uns allen wichtig, solange erst 12 000 und noch nicht die gesamte deutsche jüdische Jugend der täglich kleiner werdenden jüdischen Masse erfaßt ist, er wird aber zum Spielzeug, zum Bild nur und verliert seine Wirklichkeit, wenn er sich zu gliedern sucht in Kreise, die die Wirklichkeit tatsächlich besitzt, 407