Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Einheit der Bibel
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 401 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Einheit der Bibel auch vorgelegen haben mag, er ist unser Lehrer, seine Theologie unsre Lehre. Ein Beispiel: hätte die Kritik auch recht und wären Genesis i und 2 wirklich von verschiedenen Verfassern (worüber ich nicht entscheiden möchte, nachdem mir ein Mann wie B. Jacob gesagt hat, er glaube es nicht), so wäre auch dann, was uns von der Schöpfung zu wissen nottut, nicht aus einem der beiden Kapitel allein zu lernen, sondern erst aus ihrem Zusammenstehn und Zusammenklingen. Und grade aus dem Zusammenklingen ihrer anscheinenden Widersprüche, von denen die kritische Scheidung ausgeht: also der „kosmologischen", zum Menschen führenden Schöpfung des ersten und der „anthropologischen" vom Menschen anhebenden Schöpfung des zweiten Kapitels. Erst dieses sauf maasseh bmachaschowo tchillo *) ist die Lehre. Ein andres Beispiel: nicht der rauchende Sinai und das Kapitel der dreizehn middaus2) allein kann uns lehren, was Offenbarung ist, sondern erst die Verflechtung dieser Berichte mit den mischpotim3) und mit dem Zelt. Und so überall — ich käme an kein Ende. Die andre Seite des Hinter-Grundes ist das Verhältnis zur Tradition. Auch hier trotz ganz verschiedener Glaubensgrundlage Ähnlichkeit des Ergebnisses. Für Hirsch ist die mündliche Thora der aus der gleichen Quelle entsprungene Parallelstrom zur schriftlichen. Uns ist sie die Ergänzung der Einheit des geschriebenen Buchs durch die Einheit des gelesenen. Beide Einheiten sind gleich wunderbar. Der historische Blick entdeckt sowohl beim geschriebenen wie beim gelesenen Buch eine Vielheit: Vielheit der Jahrhunderte, Vielheit der Schreibenden und Lesenden. Dem Blick, der nicht von außen auf das Buch blicken will, sondern in innerer Verbundenheit und Zugehörigkeit, geht nicht nur die Einheit des geschriebenen Buchs auf, sondern auch die des gelesenen. Wie dort die Einheit der Lehre, so erfährt er hier die Einheit des Lernens, des eigenen Lernens mit dem Lernen der Jahrhunderte. Die Tradition, halachische, doch auch haggadische, wird selber ein Element der Übersetzung. Nicht wie für Hirsch ein den Pschat4) beherrschendes und bestimmendes, sondern, gemäß dem andern Glaubensgrund, ein den Pschat erweiterndes und ergänzendes. Ein Beispiel: Wir konnten uns nicht überzeugen, daß die traditionelle Deutung von Deuteron omium 23, 20 f.5) der Pschat ist: wir brachten es aber auch nicht übers Herz, diese Halacha, die ja einen unmittelbaren Blick in das Innerste des Judentums erschließt, beiseite zu lassen; also wählten wir eine Obersetzung, die wie das Hebräische beide Auffassungen der Stelle zuläßt. Ein haggadiscb.es Beix) Zitat aus dem Sabbateingangshymnus Lecho daudi: der Schluß der Tat ist der Anfang im Gedanken. 2) Die Gnadennamen Gottes, Ex. 34, 6 f., an die im Zusammenhang mit 33, 12—a3 die jüdische Religionsphilosophie bis auf Hermann Cohen hinab ihre tiefsten Einsichten über Gottes Offenbares und Verborgenes anschließt. 3) Die „Rechtsprüche", Kap. 21 ff. *) den schlichten Wortsinn. 5) das die Tradition bekanntlich nicht vom Zinsen Nehmen, sondern vom Zinsen Geben versteht (nicht etwa nur unverbindlich apologetisch, sondern in vollster gesetzlicher Verbindlichkeit)! 40X