Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die Einheit der Bibel
Date
1928-10-01
Page
400 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899115--03052-2899230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die Einheit der Bibel Eine Auseinandersetzung mit Orthodoxie und Liberalismus Von Franz Rosenzweig Frankfurt a. M., d. 21. t\. 28. Sehr verehrter Herr .... ich möchte an das Gespräch von heut Vormittag, in dem ich Ihnen, ans der Besorgnis, gaunew daas zu sein1), einen Schmerz bereiten mußte, anknüpfen, um das Gesagte noch näher zu präzisieren und es vielleicht auch an einigen Beispielen zu beleuchten. Unsre Differenz von der Orthodoxie liegt darin, daß wir aus unserm Glauben an die Heiligkeit, also die Sonderstellung, der Thora und an ihren Offenbarungscharakter keine Schlüsse über ihren literarischen Entstehungsprozeß und über den philologischen Wert des auf uns gekommenen Textes ziehen können. Wenn Wellhausen mit all seinen Theorien recht hätte und wenn die Samaritaner wirklich den besseren Text hätten, würde das unsren Glauben nicht im mindesten berühren. Das ist ein tiefer Gegensatz zwischen uns und Ihnen, — ein Gegensatz, der, wie mir scheint, zwar durch gegenseitige Achtung, aber nicht durch Verstehen überbrückt werden kann; ich wenigstens verstehe die Glaubensgrundlage des Hirschschen Kommentars oder der Breuerschen Schriften nicht. Wie kommt es, daß dennoch unsre Übersetzung keiner früheren sich so verwandt weiß als der von Hirsch? Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht. Nur der Vorder-Grund, nicht der wahre, scheint mir darin zu liegen, daß unsre prinzipielle Bereitschaft zu philologischen Textänderungen durch eine ebenso prinzipielle philologische Ängstlichkeit und ein immerwaches Mißtrauen gegen das notwendig Hypothetische aller Wissenschaft neutralisiert wird. Der eigentliche, der Hinter-Grund liegt tiefer. Auch wir übersetzen die Thora als das eine Buch. Auch uns ist sie das Werk eines Geistes. Wir wissen nicht, wer er war; daß es Mose war, können wir nicht glauben. Wir nennen ihn unter uns mit dem Sigel, mit dem die kritische Wissenschaft ihren angenommenen abschließenden Redaktor bezeichnet: R. Aber wir ergänzen dieses R nicht zu Redaktor, sondern zu Rabbenu. Denn, wer er auch war und was ihm x) Talmudische Redensart, etwa: eine gute Meinung erschleichen. 400

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.