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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 398

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die "Judenfrage" in Hellpachs "Politischen Prognosen"
Date
1928-10-01
Page
398 (sequence 6)
Language
German
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Adam Rödor Gesellschaft auch heute noch, die sich mit chinesischen Mauern abschließt und nur den Standes-, Verbindungs-, Korporationsgenossen fördert und ihn gegen andere durchsetzt. Wahrlich, gegen diesen „Sippengeist" müßte sich der Demokrat Hellpach wenden. So sieht er nur den Splitter bei den Anschluß suchenden Juden — vielleicht ein Eingeständnis der Hilfsbedürftigkeit — und nicht den Balken des Profit und Vorteil suchenden „germanischen" Kastenmenschen. Es ist immer die gleiche Geschichte: ob im Kaffeehaus oder im Verein, auf der Straße oder in der Presse und Versammlung: was der „Germane" an Anstößigem liefert, wird übersehen, beim Juden aber in die Hochpotenz der skandalisi er enden Wirkung erhoben. Herr Hellpach ist wahrlich ein schlechter Frauenkenner, wenn er meint, daß nur die Jüdinnen gerne mit Reichtum und Schmuck und wirtschaftlicher Präponderanz prunken! Es gehört eben Gerechtigkeit und Vorurteilslosigkeit dazu, bestimmte aber ganz allgemein menschliche Art und Unart als Ausfluß persönlichen Charakters und nicht als Merkmal des Rassischen zu klassifizieren. Und weiter schreibt Hellpach: „Uns fehlt an ihnen (den Juden) irgend etwas Irrationales ... des wesenhaft Unbewußten. Es ist ungemein bezeichnend, daß ein großer Jude, Freud, mit der rationalen Mechanik des Bewußten glaubte die Geschehnisse des Unbewußten erschöpfen, ans Licht holen zu können. Hier ohne Zweifel klafft der tiefste Spalt zwischen dem „G e r m a - nischen" und dem „Jüdischen". Das sagt wahrhaftig ein Mann, der sich mit Recht zur geistigen Elite Deutschlands zählen darf. Auch hier wieder die alte Geschichte: sobald ein Jude Materialist ist, liegt das am rassisctiethnischen, an seiner „erdfrohen Religion". Wer sind denn die Schöpfer und Bannerträger jenes krassen Materialismus, der alles mechanisch erklären und aus dem Irrationalen ins Bewußtsein erheben will? Ich halte Freud, im Gegensatz zu Hellpach, nicht für einen großen Mann. Denn was er schuf und schaffte ist im Tiefsten gar nicht sein Eigentum, sondern Lehre der maßgebenden german i - sehen M a t e r i a 1 i s t e n: von Büchner, Molleschott, Karl Vogt angefangen bis zu dem Ultrapropheten des Materialismus Ernst Häckel und seiner Schule. Hier sind die Gründe des alles rechnenden und alles Seelische verwüstenden materialistischen Mechanismus, der armseligen Erklärer der „Welträtsel". Was Freud an Spezifischem schuf, ist ein Speziale des materialistischen Kompendiums, eine logische Erscheinung auf dem Gebiet materialistischer Deduktion, die von germanischen Dolichokephalen mit blauen Augen und blondem Haar geschaffen wurde. So ist es auch in der Kunst, in der Literatur und im Theater. An dem ganzen Zerfallsprozeß, den wir heute im Künstlerisch-Literarischen erleben, werden von den germanischen Gesinnungstüchtigen die Juden verantwortlich gemacht. Auch hier muß festgestellt werden, daß es ausschließlich Nicht¬ Juden sind, die die Atmosphäre des V e rfalls geschaffen haben und wenn es jüdische Literaten, Intendanten, Regisseure, Kritiker gibt., die die Verfallserscheinungen als Depositionen des neuen Zeitgeistes feiern, so befinden sie sich in sehr respektabler germanischer Gesellschaft. 398

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