Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die "Judenfrage" in Hellpachs "Politischen Prognosen"
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 397 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899114--03048-2899227- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die „Judenfrage" In llellpaclis .,Politischen Prognosen*' gnomischen Bemerkungen Bellpaclis, durch die er sich vollkommen im Banne der Rassentheoretiker stehend zeigt, kurz abfertigen. Was er als typisch-jüdisch anspricht (Nasenform, Haltung, Geste usw.) ist Überbleibsel — wo es nicht schlechthin Degeneration ist, die sich bei allen Rassen zeigt — aus früherem Aufenthaltsmilieu. Der Jude gleicht sich in dem Maße seiner Umwelt an, als die Dauer des Aufenthalts bei ihr zunimmt. In einer Anzahl von Jahrzehnten oderJahrhunderten wird der eingewanderte Jude sich vom Deutschen, Franzosen, Engländer nicht mehr unterscheiden. Wichtiger als diese Feststellungen sind die Dinge, die Hellpach im Geistigen und Gesellschaftlich - Wirtschaftlichen vorbringt. Wichtiger deshalb, weil gerade diese Dinge vom Konzern der Gedankenlosen nachgesprochen werden. Ich stelle noch einmal fest: Hellpach ist in keiner Beziehung Antisemit; davor schützt ihn sein humanitär argumentierendes Gewissen; er ist kein Krypto-Antisemit; davor bewahrt ihn sein durchaus vornehmer Charakter. Aber er geht den Dingen rein psychologisch nicht auf den Grund. Es soll hier nur auf drei charakteristische Feststellungen Hellpachs eingegangen werden; auf sozialem, .wissenschaftlichem und weltanschaulichemGebiet. Hellpach schreibt: „Bei den Juden finden wir weit verbreitet eine Art Vorliebe für Verwandte, die sich praktisch in einer sehr ausgeprägten Sippenhilfe und in vielen Verwandtenheiraten betätigt. „Der Tadel, daß einem im gesellschaftlichen Umgang mit einzelnen Juden sehr bald auch ihre Vettern und Basen aller Grade zugeführt und empfohlen werden, ist häufig von Nichtjuden zu hören. .. . Durch ihr sippenweise gehäuftes Erscheinen rufen die Juden naturgemäß oft den Eindruck hervor, einen viel stärkeren Anteil der Gesamtheit auszumachen als es tatsächlich der Fall ist... Am häufigsten entsteht dies Bild an Orten, die aufzusuchen sich nur der Begüterte leisten kann... Die Juden besitzen zweifellos einen starken Erwerbssinn und hohe Erwerbsgaben; wir lassen hier noch dahingestellt, ob aus ursprünglich ethnischer Anlage oder aus geschichtlicher Nötigung heraus. Vor allem aber tragen sie, besonders ihre Frauen, den erworbenen Wohlstand gern zur Schau. Dies macht sie nicht bloß durch ihre sippische Masse, sondern auch durch Kleidung, Schmuck, Konsum, Luxus aller Art auffällig." Durch die Darstellung Hellpachs geht der Unterton, daß auch er dies Gebaren der sippenweise auftretenden Juden mißbilligt. Hier ist der Punkt, mit dem Hellpach beweist, daß er sich von billigen und bequemen Populardarstellungen nicht trennen kann. Wie kann ein sonst scharfsichtiger Psychologe solcher Gemeinplätzlichkeit verfallen! Das „sippenmäßige"" Auftreten und den sippenmäßigen Modus gesellschaftlichwirtschaftlicher Verhandlungen finden wir überall; von der letztgradigen Studentenverbindung an über alle Korporationen der ständischen „Gesellschaft" hinweg bis zu den Exklusiven des Adels, der höheren Beamten, der „Gesellschaft*' bildenden Bourgeoisie. „Wissen Sie", sagte mir neulich ein besserer Handwerker, „ich habe meinen Sohn (Jurist) aktiv werden lassen, weil das für sein Fortkommen wichtig ist". Was dieser Handwerksvater in seiner Naivität hier ausgeplaudert hat, geht als Grundsatz der Cliquenbildung durch die ganze moderne 397