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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 399

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Die "Judenfrage" in Hellpachs "Politischen Prognosen"
Date
1928-10-01
Page
399 (sequence 7)
Language
German
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Die ,.Judenfrage"' in Hellpachs ..Politischen Prognosen" Hellpach kommt dann noch auf das Konnubium, auf die Mischehe zwischen Juden und Nichtjuden zu sprechen. Was er uns sagt, verdient gewiß Beachtung. Aber er übersieht auch hier, daß das gleiche Sichsperren gegen die eheliche Verbindung mit anders Gläubigen oder anders gesellschaftlich Geschichteten in allen Lagern vorkommt. Die Idee der „Mesalliance" geht vom germanischen Handwerker über den germanischen Bourgeois bis zum germanischen Adligen, die im Fürsten-Konnubium die klassische Formel von der Nicht-Ebenbürtigkeit erzeugt hat. Es ist absolut richtig, daß das Heiraten bestimmter Schichten untereinander zur Degeneration führt. Wir sehen das in den Schichten entlegenen Bauerntums so gut wie bei Adligen und auch bei den Juden. Es ist eben überall nötig, die negativ integrierende Yital-Sphäre — wie ich die Notwendigkeit körperlicher Anreizung durch Mischung von Schichten und Kassen nenne, um gesunde Vitalität zu erhalten — in Tätigkeit zu setzen. Die Juden werden sich auch diesem biologischen Gebot nicht entziehen, wenn das Konnubium mit Toleranz und Gerechtigkeit nach der Forderung der Gleichberechtigung durchgeführt wird". Wenn der Jude, der eine Christin heiratet, seine Kinder jüdisch werden lassen will, soll man ihm dies nicht bestreiten; man soll auf keiner Seite Konversionen verlangen, sondern echte religiöse Toleranz walten lassen und wahrhaftig gemeinte Gleichberechtigung. Dann wird sich die Zahl der notwendigen Mischehen vergrößern, die übrigens, wie ich in meinem schon erwähnten Buche ..Reaktion und Antisemitismus" nachgewiesen habe, in anhaltender Vergrößerung begriffen ist. Die Juden sind ein Stamm unter Stämmen, nicht grundsätzlich unterschieden, sondern biologisch nüanziert und moduliert, wie alle andern Stämme auch. Das „spezifisch ethnische" verschwindet mit der Dauer des Aufenthalts beim „Wirtsvolk", um den sachlich unrichtigen aber gängigen Ausdruck beizubehalten. Jeder Mensch ist ein Spezial-Individuum mit der durch das Milieu bedingten Modulation. Und dieses Spezial-Individuum ist eine konstante Größe, ob Jude, Neger oder Germane. Es mußte auf die Hellpachsche Argumentation etwas näher eingegangen werden; sie vollständig und umfänglich zu charakterisieren und zu widerlegen, ist in einem Aufsatz unmöglich; das muß einer größeren Arbeit vorbehalten bleiben. Hier konnte nur festgestellt werden, daß der Antisemitismus auch bei einem Nicht-Antisemiten, wie Hellpach es ist, . nicht in ein wissenschaftliches Gewand schlüpfen darf, um gewissen Popular- Instinkten den Schein einer Rechtfertigung zu geben. Der Antisemitismus ist und bleibt eine Minderwertigkeitserscheinung im Charakterologischen der Völker, eine Minderwertigkeit im Intellekt, der unabweisbare Zusammenhänge nicht erfassen, Grundlegendes in der Erscheinungswelt nicht erkennen kann und eine Minderwertigkeit im Werturteilen des Gewissens, das sich leichtfertig von äußerlichen Reizungen stimulieren läßt. Nie und nimmer sollte man den Antisemitismus auf andere Urteilsgleise schieben und seine Entstehung mit mysteriösen Deutungen, wie Gruppenhaß und Symbolwertungen, verbrämen. 399

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