Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 391 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Heine giösen Gefühls der Bibel. Sie wird für ihn „eben so sehr eine Quelle des Heils, als ein Gegenstand der frömmsten Bewunderung". Er lernt jetzt mit der jüdischen Religion auch die Juden besser würdigen. „Die Griechen", sagt er, „waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer". Er ist fast stolz darauf, „daß seine Ahnen dem edlen Hause Israel angehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Wie sehr Heines Sinn sich gewandelt hat, geht daraus hervor, daß ihm jetzt nicht mehr im hellenischen Sinne die Schönheit als das höchste Gut gilt. Während er früher sagte: „Ich strebe nach dem Guten, weil es schön ist und mich unwiderstehlich anzieht, und ich verabscheue das Schlechte, weil es häßlich und mir zuwider ist", bekennt er nun: „Gutsein ist besser denn Schönheit". Die Sittenlehre gilt ihm als die Kernleistung des Judentums. Und eben in der Sittlichkeit prägt sich die jüdische Grundhaltung zur Welt in gleicher Weise aus wie in der Glaubenslehre. Jüdischer Glaube vollendet sich erst recht in jüdischer Sittlichkeit Jüdische Sittlichkeit schließt in sich die Anerkennung einer Geistigkeit, deren bevorzugte Stellung sich in den Reaktionen auf Welt und Leben kundgibt Diese Hinwendung zum geistigen Leben ist durch Generationen hindurch den Gemütern eingebrannt Sie entläßt den nicht leicht, den ihre Flamme formte, und gewiß haftet jüdische Geistigkeit tiefer dem Menschen an, der dem Kreise ihrer Bekenner entstammt, als eine andere Form der Geistigkeit es vermag. Diese Tatsache erklärt sich leicht aus der ständigen Beschäftigung des jüdischen Menschen mit der Lehre, zu der ihnVerfolrgung und Isolierung zwang. Diese Verbundenheit ist schließlich so innig geworden, daß alle Abirrungen nicht ihre Macht brechen können. Hier wird Heines Leben zu einem typischen Beispiel Eine Mischung mit andern, ja entgegengesetzten Grundkräften ist nicht ausgeschlossen, unwahrscheinlich ist nur, daß sie ganz die Vorherrschaft gewinnen. Zunächst wird nur das Bewußtsein verschiedener Möglichkeiten deutlich. Von dieser Bewußtheit aus ist nicht nur ein Ausblick, sondern auch ein Stück Weges möglich in eine Form des Lebens, die der ursprünglichen entgegengesetzt ist Dieser Weg zur gegensätzlichen Lebensgestaltung aber ergibt sich nicht aus dem Wesen. Ein solches Heidentum ist nicht a priori. Es ist vorwiegend durch intellektuelle Erwägungen heraufbeschworen, und es läßt sich nur so weit verwirklichen, wie ihm Gemütskräfte zur Verfügung stehen. Daß dies nur unvollkommen der Fall ist, 30t