Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 389 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Heine bare Lebenswille ein Ideal, das sich ihm nicht erfüllte. Heine ist gewiß nicht einseitiger Spiritualist, wie etwa Börne. Neben dem starken Grundzug jüdischspiritualistischer Geistigkeit lebt in ihm auch in hohem Maße die Fähigkeit, sinnlichen Eindrücken sich nachhaltig hinzugeben. Dieser mächtige hellenische Einschlag seines Wesens bedingt sein Künstlertum und läßt ihn so lange an seine hellenische Sendung glauben. Gerade die Stärke beider Seiten seiner Natur gibt ihm das außerordentliche Bewußtsein ihrer Gegensätzlichkeit. Aber wenn der Hellene in ihm zu bildhafter Gestaltung drängt und sie ihn auch finden läßt, so hält der Nazarener in ihm sein Gestalten immer wieder von der strengen klassischen Form fern. So sehr Heine in seinen philosophischen Theorien die Würde der Sinne betont, so sehr er als Dichter durch sinnliche Bilder die Gedanken verleiblichen muß, so intensiv reißt doch immer wieder der Geist die Herrschaft an sich und zersprengt die klare Formgebung, die durch eine einfache geist-leibliche Hingabe an das Wesen der Dinge zustande kommen müßte. Selbst in der Zeit von Heines ausgeprägt sensualistischen Neigungen finden wir in seiner Dichtung besinnliche Stellen, in denen er, halb wehmütig und halb ironisch, typische Vertreter des Judentums zeichnet Es bereitet sich langsam die Umkehr vor. Etappen auf diesem Wege bilden verteidigende und anerkennende Bemerkungen über das Judentum. Zunächst entspringt sein Eifer dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Und doch ist der warme, teilnahmvolle Grundton nicht zu verkennen, der auf engere Verbundenheit mit den Verteidigten deutet Am Ende des IV. Kapitels der Denkschrift über Börne wird dieser Ton deutlicher. Hier spricht Heine von der Sendung Israels und der rettenden Macht des Messias, der der Gerechtigkeit zum Siege verhelfen wird. Am Schlüsse dieser Schrift aber taucht, im grauen Düster einer nordischen Nebellandschaft, die wehmütige Vision sterbender Griechengöttinnen auf. Niehl auf einmal vollzieht sich die Wandlung. Noch regt sich die alte Abneigung, aber der Ton ist respektvoller, und es fehlt dem Spotte die bittre Schärfe. Hat er bereits früher einmal gestanden: „Ach, ich gehöre selbst zu dieser kranken alten Welt, und mit Recht sagt der Dichter: wenn man auch seiner Krücken spottet, so kann man darum noch nicht besser gehen. Ich bin der Kränkste von Euch allen und um so bedauernswürdiger, da ich weiß, was Gesundheit ist", so bekennt er sich allmählich, da Anfeindungen, Verdrieß- 389