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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 386

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Heinrich Heine
Date
1928-10-01
Page
386 (sequence 4)
Language
German
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Kurt Eckstein straktes Wesen, ihre asketischen, bildfeindlichen, vergeistungssüchtigen Triebe. So begreift er unter dem gemeinsamen Namen der Nazarener nicht sowohl einen Glauben als ein Naturell, das nicht an Abstammung und Bekenntnis gebunden ist. Die Reaktion auf die Außenwelt hat ihre Unbefangenheit verloren. Die „nazarenische Abstinenz" läßt unbefangenen Genuß nicht zu. Jetzt erhält das Naschen von der verbotenen Frucht seinen verführerischen Reiz. Es fehlt „die Majestät der Genußfreudigkeit", die den Menschen aus tiefsten Grunde heiter und froh macht. Wenn der Kreis der ernsten Stimmungen verlassen wird, bleibt nur eine gute Laune, eine muntere Lustigkeit, die nicht zum Glücke des Genusses erhebt. Dem Sensualisten hingegen ist eine sinnenfrohe, unmittelbare Hingabe an das Leben eigentümlich; und da Heine eine solche Unmittelbarkeit des Erlebens vorwiegend bei den Griechen des Altertums zu finden glaubte, so nannte er diesen Menschentyp den hellenischen. Hellenen sind ihm Menschen „von lebensheiterem, entfaltungsstolzem, realistischem Wesen". Nicht soll alles, was süß und lieblich ist, als Teufelei verschrieen sein. Die Seligkeit soll sich schon auf Erden finden. Mit einer pantheistischen Wendung, die den strengeren Materialismus der St. Simonisten völlig ignorierte, betrachtet Heine die Materie, die leibliche Erscheinung als die Offenbarung des Göttlichen. Darum ist die Wiedereinsetzung der Materie in ihre Würde zu fordern, ihre moralische Anerkennung, ihre religiöse Heiligung. Die Materie soll aus der Zwangslage befreit sein, heimlich gegen die Usurpationen des Geistes konspirieren zu müssen. Das Übel, die Sündlichkeit menschlichen Tuns als Resultat der spiritualistischen Welteinrichtung ist in dem Augenblick beseitigt, in dem das Bewußtsein erwacht, „daß die Göttlichkeit des Menschen sich auch in seiner leiblichen Erscheinung kundgibt". Daß die Materie an und für sich böse sei: in dieser Behauptung erblickt Heine eine Verleumdung, eine entsetzliche Gotteslästerung. Nur der Gottesdienst der Schönheit, der Freude und des Sinnengenusses kann der Menschheit die verlorene Einheit wiedergeben. Nach der christlichen Fastenzeit soll das rosige Zeitalter der Freude hereinbrechen. Besonders die Künstler sollen von dieser Weltwende Vorteil haben. Der Alp soll von ihnen genommen werden, der ihr Schaffen lähmte. Sie stürzen sich dann „in das Meer griechischer Heiterkeit, aus dessen Schaum ihnen wieder die Schönheitsgöttinnen entgegentauchen". Mit der Forderung nach gebührender Würdigung der Materie leugnet Heine nicht die Rechte des Geistes. Heine will nicht die unheilvolle Entzweiung 386

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