Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 385 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Heine In dem Verhältnis von Leib und Seele, von Geist und Materie findet Heine jetzt den getreuen Ausdruck der Zwiespältigkeit der Welt, die umfassender in dem Verhältnis von Gott und Mensch, Mensch und Natur gegeben ist Von ihm aus bestimmt sich das Verhalten des Menschen zu allem, was ihn) auf seinem Lebenswege begegnet Je nachdem, ob er dem Geiste den; ersten Rang einräumt und die Materie als die niedrigere Form der Erscheinung verachtet, oder ob er jubelnd sich der Sinnenfreude hingibt und die Schönheit der Erscheinung zu genießen sucht, wird sein Lebensbild sich in ganz verschiedener Weise gestalten. Die „Verächter des Leibes", wie Nietzsche später sagt, nennt Heine Spiritualisten oder Nazarener, im Gegensatze zu den Sensualisten oder Hellenen, die im irdischen Glück, im Genuß der Schönheit das höchste Ziel sehen. Der Spiritualismus bedeutet ihm eine „frevelhafte Anmaßung des Geistes", der sein Ziel, die Macht und Herrschaft über das Irdische an sich zu reißen, nur dadurch erreichen kann, daß er den Leib verächtlich macht, ihn brandmarkt als ein Niedriges oder gar Feindliches, Teuflisches, das bekämpft und überwunden werden muß, wenn man des göttlichen Wesens teilhaftig werden will. Heine übersieht keineswegs die Unterschiede zwischen Christentum und Judentum. Die Juden sind ihm das Volk des Geistes. Gott ist ein geistiges Wesen; also ist ihnen der Geist heilig. Sie „achteten daher den Leib als etwas Geringes, als eine armselige Hülle des Ruach hakodasch, des heiligen Hauchs, des Geistes". Das Christentum aber ging weiter, indem es den Leib „als etwas Verwerfliches, als etwas Schlechtes, als das Übel selbst" betrachtete und die Freuden dieser Welt als Werkzeuge des Teufels ansah, mit denen er sein Opfer vom Wege des Heils abzuziehen sucht Der Teufel wird der Repräsentant des Fleisches. Das Fleisch soll abgetötet werden, um den Geist zu verherrlichen. Demut und Entsagimg sind nach Heine die Hauptforderungen dieser Lehre. Schmerz und Leiden werden zur Wollust, und der Mensch, dem die Erde nichts mehr zu bieten hat, ersehnt als die Stätte des Heils den HimmeL Durch diese Verdammnis des Fleisches ist die Sünde in die Welt gekommen und eine Unsicherheit in das Leben des Menschen, die ihm jeden natürlichen Lebensgenuß vergällt. „Dürre, freudlose Hebräer" und „trübe, qualsüchtige Nazarener": mit diesen Worten bezeichnet Heine den Unterschied jüdischer und christlicher Lebensführung. Beiden gemeinsam aber ist der Gegensatz zur Genußfreudigkeit des antiken Menschen, ihre Fremdheit gegenüber künstlerischem Gestalten, ihre pedantische Trockenheit, ihr dürres, rechnendes, ab- 385