Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Heinrich Heine
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Kurt Eckstein findet kein Genügen mehr an dem, was ihn vertraulich einst umgeben hat. Jetzt sucht er das Wahre, Gute und Schöne in einer andern, einer besseren Welt, zu der ihm die Welt des Diesseits nur eine Vorbereitung ist Hienieder, ißt er Gast, im Jenseits ist seine wahre Heimat, das Reich der Seelen, in dem göttliche Gnade Beruhigung und Erlösung gewährt Diese Stimmungen, die ganz an der christlichen Heilslehre orientiert sind, teilen mit dem Judentum die mißtrauische Haltung zur Sinnenwelt Diese Grundhaltung prägt sich jedoch in beiden Religionen in ganz verschiedener Weise aus. Im Judentum nämlich wird nicht das Gefühl menschlicher Ohnmacht, die Sehnsucht nach dem Glück einer jenseitigen Welt und nach Erlösung vom Erdenleid zur Grundstimmung. Das Judentum hat einen gefaßten, mähnlichen Charakter. Die widerstreitenden Dinge dieser Welt bleiben ihm noch Objekt der Tat, die Möglichkeit, sie nach den Forderungen des göttlichen Wesens zu bilden, wird nicht ausgeschlossen. Unzuträgliches soll ernsten Sinnes ertragen werden. Statt auf Erlösung geht das Verlangen auf Gerechtigkeit, die, möglichst noch in dieser Welt, aber sicher am Ende der Tage, Schuld und Sühne abwägt und die Unbilligkeit des Geschickes zum Ausgleich bringt Äußert sich die christliche Geisteshaltung mehr in einer sehnsüchtigen Stimmung, so läßt die jüdische, wenngleich auch aus einer gefühlsmäßigen Stellungnahme zur Weit entsprungen, doch sehr weitgehend die abwägende, richtende Stimme des Verstandes zur Geltung kommen. * Die Romantik ist nur unter der Voraussetzung der dualistischen abendländisch-christlichen Kultur denkbar. In einer starken Anspannung bemüht sich die Romantik zur Einheit zurückzugelangen und da sie ihr Ziel nicht mehr in gradlienigem Anlauf erreichen kann, bewegt sie sich notwendig in einem Hin- und Herschwanken zwischen gegensätzlichen Polen der Anschauungen und des Tuns. So findet sich in der Romantik neben der Weltflucht auch eine leidenschaftliche Hingabe an die Welt, bei der allerdings die Einschränkung gemacht wird, daß nur jene Wesenheiten in der Weit wertvoll sind, in denen das Göttliche zum Ausdruck kommt Einen äußersten Gegensatz zu den Grundanschauungen der Romantik stellen die Theorien des St Simonismas dar, die Heine besonders in der ersten Zeit seines Pariser Aufenthalts mit einer religiös zu nennenden Inbrunst vertritt In ihnen neigt sich die besondere Form, in der die Romantik im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts zur Erscheinung kam, ihrem Ende zu. 384