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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 381

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
381 (sequence 28)
Language
German
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Warum ich Jude bin einen oder den anderen dieser Gegenstände gesehen, berührt, gehandhabt oder bewundert haben mag, an dem Ort, zu der Zeit selbst, wo er angefertigt wurde für den Gebrauch, für die Arbeit, zum Schmerz oder zur Freude der Menschen. Dieses eisenbeschlagene Tor, zwischen den zwei Pappeln, in dem goldenen Rahmen, es ist das Tor der Synagoge von Genf, in die mein Vater eintrat, um zu beten. Und hier, die Schiffsbrücke über den Rhein: mein Großvater ist in Hüningen über den Rhein gekommen. Und dessen Großvater, wo lebte er? Vielleicht sah er, verträumt den mystischen Zahlen der Kabbala nachsinnend, durch die verschleierten Scheiben seines Fensters diesen Schlitten über den Schnee Deutschlands oder Polens gleiten? Und der Großvater des Großvaters seines Großvaters? Vielleicht war er der Mann, der in Rembrands Amsterdamer Ghetto diese Goldwaage halt Einer meiner Ahnen mag aus diesem Weinglas getrunken haben, als er nach der Stunde bei seinem Lehrer Raschi aus der Schule von Troyes heimkehrte; einer meiner Ahnen mag sich auf diesen mit Jade ausgelegten Lehnstuhl gesetzt haben, wenn ein Sultan ihm seinen Puls zu fühlen gab; einer meiner Ahnen mag dieses Kreuz aus Kastilien gesehen haben, das ein Mönch trug, als er ihn zum Scheiterhaufen begleitete; einer meiner Ahnen mag gesehen haben, wie der Kreuzfahrer, der diese Rüstung trug, seine Kinder niederritt* Hat ein anderer diese Federnkrone von einem Wilden aus Amerika erhallen? Hat ein anderer diese afrikanischen Elfenbeinschnitzereien, diese chinesischen Seidengewebe an dea Ufern des Kongo oder des Amur erhandelt, um sie an den Gestaden des Ganges oder an den Lagunen Venedigs wieder zu verkaufen? Einer von ihnen pflügte die Ebene von Saron mit diesem Feuer gehärteten Pflug; einer von ihnen stieg mit diesen geflochtenen Körben zum Tempel empor, um seine Feigen als Gabe darzubringen. Diesen Titus aus Marmor, als er noch Fleisch und Blut war, hat einer meiner Ahnen, verwundet an seinen Triumphwagen gekettet, im Zug auf das Forum begleitet; unter den Füßen dieses bärtigen Magiers in dem faltigen Gewand, zwischen den beiden geflügelten Stieren mit Menschenköpfen, hat einer meiner Ahnen den Staub Babylons schlucken müssen: unter den Hauch dieses Pharao aus Porphyr, der zwei flache Hände auf zwei flache Schenkel legt, hat einer meiner Ahnen sich gebeugt, ehe er den Gurt um den Leib und den Stock in die Hand nahm, um Moses durch die roten Wasser zu folgen; und dieser Götze aus Summir, mit den kreisrunden Augen und dem eckigen Kinn, 26* 381

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