Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 378 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg nicht auch in der Tat verbreitet hat Es ist falsch, zu behaupten, daß es seine Blicke nur auf die Freuden des Jenseits richtet, wie es falsch ist, zu behaupten, daß das Judentum seinen Blick nur der Erde zuwendet Beide, Jude und Christ, glauben, daß man, um in das himmlische Reich einzugehen, erst versuchen muß, es hienieden zu errichten: der Jude erwartet das Kommen seines Messias, der Christ erwartet die Wiederkunft des seinen; und in dieser gleichen Erwartung lebt — wie ich es in meinem „Juif du Pape" angedeutet habe — die gleiche Hoffnung. Die menschliche Einheit, die Israel verkündet, hat die Kirche ohne Unterlaß verkündet: sie ist es, die von ihren Anfängen an Sklave und König mit der gleichen Taufe getauft hat; sie ist es, die heute Chinesen zu Bischöfen ernennt, während die weltlichen Behörden der zivilisierten Staaten den Gelben ihrer Kolonien die bürgerliche Gleichheit verweigern; sie ist es, die durch die Stimme ihrer großen Denker und ihrer großen Prediger die Auswüchse des Nationalismus als eine neue Form des Götzendienstes bezeichnet; es ist ein Papst, der im Mittelalter inmitten von Schlachten den „Gottesfrieden" einführt; es ist ein Papst, der im 20. Jahrhundert über die Welt in Waffen die erhabensten Worte der Versöhnung ausspricht Jedoch allein das Judentum hat die zwiefache göttliche Botschaft der göttlichen und der menschlichen Einheit in ihrer ganzen Reinheit bewahrt; und es hat auf dem Wreg, der zu ihrer Erfüllung führt, durch seine Geschichte vor der übrigen Menschheit einen Vorsprung gewonnen, den es um der anderen wie um seiner selbst willen bewahren muß; denn während diese uralten Wahrheiten so viele heidnisch gebliebenen Herzen nur malt schlagen lassen, sind sie für den Juden das Blut selbst, das sein Herz zum Schlagen bringt Nun, in dem Augenblick der Geschichte, wo jener Sinn für das Menschliche, Erbe des Sinnes für das Göttliche, von den Juden unter Schmerzen erworben, eine Notwendigkeit für alle Völker wird, findet es sich, daß die Juden, die so lange einsam gelebt hatten, als Bürger allen Nationen einverleibt sind und sich überall als Bürger einordnen. Sie haben sich von allen Völkern getrennt; sie sind heute das einzige Volk, das Angehörige aller Völker enthält; sie waren eine Nation unter den anderen Nationen, sie sind heute ein Völkerbund, dessen Pakt ihnen ins Blut übergegangen ist So haben sie eine doppelte Aufgabe; und ich habe nun die beiden untrennbaren Gebote verstanden, die mir 1914 mein Verhalten vorgeschrieben haben: „In allen Ländern seid, bis zum Opfer eures Lebens, Bürger eurer Länder; und seid, zugleich, Juden; 378