Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 377 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Waium ich Jude bin der Juden zu münden trachtet; aber dieser Friede, diese Gerechtigkeit lassen sich ihrem tieferen Sinn nach weder durch die Revolution, noch durch den Klassenkampf, noch durch den Interessenausgleich unter den Nationen völlig verwirklichen; Israel verlangt einen Fortschritt des inneren Menschen, damit die Menschen dem Menschen nahe kommen. Ist dieser Fortschritt möglich? Haben die Juden ein Beispiel davon gegeben? Ach, Israel ist noch kein Volk von Heiligen! Der Jude kennt seine Fehler und Mängel; er übertreibt und karikiert sie noch in der jüdischen Anekdote, die er selbst verbreitet; er lacht über sie, doch leidet zugleich, denn nichts ist ihm schmerzlicher, nichts verzeiht er schwerer als einen Fleck auf der Familienehre Israels. Aber hat das Judentum nicht zugleich mit diesen oft aus dem Ghetto stammenden Häßlichkeiten, die verschwinden müssen, vom Ghetto selbst manches Schöne empfangen, das bleiben soll? Es hat dort so viele Gewalttaten erduldet, so viel Ungerechtigkeit erlitten, das Elend des Lebens so ganz erlebt, daß das Mitleid für den Armen und Gedemütigten ihm natürlich geworden ist Blut zu vergießen — selbst der Tiere, selbst der menschlichen Bestien, die es massakrierten — hat es sich so lange enthalten müssen, daß der Abscheu vor Mord die Gebärde des Tötens an ihm so gut wie verkümmert hat. Und es hat auf seinen schmerzerfüllten Wanderungen aus solcher Nähe so viele Menschen aller Rassen und aller Länder, so viele überall verschiedene und überall gleiche Menschen gesehen, daß die Erkenntnis der menschlichen wie der göttlichen Einheit ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist So hat sich eina Rasse gebildet, welche die Laster wie die Tugenden der anderen Rassen besitzen mag, die aber ganz sicherlich die menschlichste aller Rassen ist Blicke um dich, beobachte: während die christliche Wohltätigkeit sich fast niemals auf Juden erstreckt, erstreckt sich die jüdische Wohltätigkeit fast immer auf Juden und Christen; wenn man auch überall sehr auffallende Juden antrifft, findet man ihrer recht wenige in den Mordstatistiken; und selbst ihre Feinde anerkennen — allerdings um ihn zu tadeln — ihren Sinn für das Menschliche, der aus dem Juden instinktiv den Freund des menschlichen Friedens macht Das will nicht heißen, daß das Christentum, dem Judentum folgend, sich nicht auch die Aufgabe gestellt hätte, dieselben Tugenden zu verbreiten und sie 377