Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 376 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg Indessen hat Rousseau geträumt, Robespierre gesprochen, Karl Marx geschrieben, Wilson gepredigt Zehn Jahrhunderte vor Christus, zwanzig vielleicht, haben die Hebräer gesagt: „Der Unterdrückte ist dein Bruder; der Arme ist dein Bruder: der Fremde ist dein Bruder; der Mensch ist, wie Gott, Einer". Und sie haben gewartet Zwanzig Jahrhunderte nach Christus ist der Mensch auf dem Weg zu seiner Einheit Aber auch hier hat die Welt von Israel nur die Hälfte seiner Wahrheit genommen: denn weder Robespierre, noch Karl Marx, noch Wilson geben die Botschaft der Propheten ungetrübt wieder. Wenn sie sich auch reinen Sinnes diesem Ideal nähern wollen, sind sie doch durch die Materie, in der sie es darstellen, noch weit von ihm entfernt Freilich sind für das Judentum die moralischen und sozialen Pflichten des Bevorzugten gegen den Enterbten und die der Nationen gegeneinander nicht fakultativ, sondern streng obligatorisch: das hebräische Wort, das man mit „Barmherzigkeit" übersetzt, bedeutet auf hebräisch „Gerechtigkeit", und diese Gerechtigkeit soll über die Individuen und über die Völker herrschen. Aber gerade dadurch ist das Gesetzbuch Israels das Gesetzbuch der Pflichten, nicht der Rechte, noch der Interessen. Es sagt dem Unterdrücker: „Du bist dem Unterdrückten seine Freiheit schuldig"; sagt dem Unterdrückten nicht: „Du kannst den Unterdrücker unterdrücken". Es sagt dem Reichen: „Du bist dem Armen deinen Reichtum schuldig"; sagt dem Armen nicht: „Du kannst dem Reichen seinen Reichtum nehmen". Es sagt den Völkern: „Schließet den Frieden der Waffen"; sagt ihnen aber aüch: „Schließet den Frieden der Herzen". Israel spricht, die Jahrhunderte hindurch, sein Wort der Einheit aus; es verwirklicht sich in dem Maß, als es ausgesprochen wird, verdunkelt sich aber, indem es sich verwirklicht; aber Israel muß es klar bewahren, um es bis an das Ende der Zeiten in seiner vollen Klarheit wieder und immer wieder auszusprechen. Wie das Christentum die göttliche Einheit in Fleisch und Blut eines Menschen inkarniert, wie der Mohammedanismus ihr Versprechungen der Macht und der Sinnenfreude leiht und beide ihr so, um sie leichter zugänglich zu machen, etwas von ihrer Geistigkeit nehmen, kann auch der Jakobinismus, der Marxismus, der Wilsonismus die menschliche Einheit nur in einer noch unklaren und oberflächlichen Gestalt volkstümlich machen; es sind Etappen eines Weges, der von außen her in den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens 376