Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 375

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
375 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899112--03024-2899205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Warum ich Jude bin des Tempels ihnen das Zentrum ihres religiösen Lebens genommen. Sie bauen es in der Synagoge, in der Schule wieder auf, vergeistigen es in ihrem Schmers: noch mehr. Dem Boden ihres Vaterlandes entrissen, wird ihnen ihr Gesetz zu einem ideellen Vaterland, knüpfen sie an die Erfüllung der Verheißungen, die es für sie und die Menschheit enthalt, die Hoffnung der endgültigen Rückkehr. Von neuem entspringt dem uralten Gedanken Israels ein neuer Gedanke: Mohammed predigt den Arabern den Gott Abrahams; und während dieser Gott, in seiner christlichen Gestalt, nach Europa ganz Amerika erobert, erobert er in seiner muselmanischen Gestalt Afrika und Asien bis an die Grenzen Chinas. Aber Mohammed umgibt seinen Gott mit einem kriegerischen Apparat und stellt ihn in ein Paradies der Sinne, so daß die Juden den Gott Israels nicht mehr erkennen, und wie die Wahrheit Christi ist die Wahrheit des Islam für sie nur halbe Wahrheit Und nun verfolgen an allen Orten, wo sie leben, die Erben des Judentums die Juden. Justinian nimmt ihnen die bürgerliche Gleichheit und die religiöse Freiheit Sisibut, der Westgote, und Dagobert, der Franke, bieten ihnen die Wahl zwischen Verbannung und Taufe. Sie werden von Kreuzfahrern, von Türken von Marokkanern und Russen niedergemetzelt Man vertreibt sie aus Frankreich, aus England, aus Spanien; gegeißelt, gefoltert, erwarten sie ihren Messias. Wie groß aber auch ihr Elend, wie zahllos ihre Verbannungen — eine Vorsehung hat in jedem Jahrhundert eine Zufluchtsstätte für sie bereit Zunächst in Babylon, unter der Partherherrschaft; sie gründen ihre Akademien, sie arbeiten an ihren talmudischen Schriften. Dann in Andalusien, in Kastilien, in Aragonien, in Narbonne, in Carcassonne, in Speyer, in Pavia, in Rom: sie schaffen eine Dichtkunst und eine Philosophie; sie übersetzen die griechischen Denker für die christlichen Denker; sie sind Ratgeber der Könige, Ärzte der Päpste, Kolumbus' Begleiter über den Ozean. Dann ist es Holland, wo aus ihrer alten Mystik ein neuer Gedanke geboren wird; dann ist es Polen, wo aus ihrer alten Religion eine neue Mystik geboren wird. Indessen haben Luther und Calvin die Bibel neu gelesen, die Kritik ist erwacht: im Jahrhundert Christi haben die Juden gesagt: „Jesus ist nicht Gott-': und sie haben gewartet. Zwanzig Jahrhunderte nach Christus wird die Hälfte der Christen sagen: „Christus war nicht Gott"; und sie werden zu dem Einen Qott Israels zurückkehren. 375

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.