Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 373 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, er überragt die anderen; man sieht nur ihn, man will nur ihn sehen; und beklagt man sich über die Kapitalisten, so spricht man sie als Juden an. Finanzmänner oder Gelehrte, Industrielle oder Philosophen, Dramatiker oder Staatsmänner, Konservative oder Revolutionäre — es gibt Juden überall; man kann sie also in jeder Hinsicht anklagen: was man auch nicht verfehlt zu tun. Ich war also dahin gelangt, zu denken, daß der Antisemitismus nur eine wirkliche Ursache habe: der Anspruch der Juden, Juden zu sein. War aber dieser Anspruch gerechtfertigt? Mit welchem Recht hatte dieses Volk ihn durch die Jahrhunderte, und heute noch, aufrechterhalten können? Um in meinen Augen diese außerordentliche Gunst zu verdienen, abseits zu stehen und sich zugleich mit den anderen zu vermischen, mußte das Judentum eine Notwendigkeit sein, mußte mir . seine Sendung nicht nur als schöner Traum der Propheten, als schöner Stoff der Dichter, sondern als eine überprüfbare Wirklichkeit erscheinen. Sollte ich an diese Sendung, die ich von ganzer Seele besungen hatte, mit allen meinen Verstandeskräften glauben? Und wohin würde mich dieser Glaube führen, wenn ich ihn annahm? Allein die Geschichte Israels konnte mir darauf eine Antwort geben. Diese Geschichte beginnt, wie alle anderen, mit der Legende: aber welche Gedanken werden mir kommen, wenn ich in ihren authentischen Entwicklungen das gleiche Wunder finde wie in ihren sagenhaften Ursprüngen? Ein Hirte aus Chaldäa träumt unter den Sternen neben seiner schlummernden Herde. Eine Stimme spricht zu ihm: „Ich bin der Gott des Himmels und der Erde. Verlasse dein Land und deinen Vater, der zu Götzen betet, und wanrdere in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde ein großes Volk aus dir machen, und für alle Stämme der Menschen wirst du ein Segen sein." Er wird der Vater eines Stammes, der an den Ufern des Nil in Gefangenschaft lebt, denn es steht geschrieben, daß dieser Stamm aller Schmerzen teilhaftig werde um seines Werkes willen. Moses befreit ihn, führt ihn vierzig Jahre lang durch die Wüste, gibt ihm ein Gesetz, das den Mord, den Diebstahl, die Lüge, die Gotteslästerung, die Unzucht, die Begehrlichkeit verbietet — Liebe zu Gott und zum Nächsten befiehlt — in Gerechtigkeit, Frieden und Wohltätigkeit das Leben dieser Menge regelt, auf daß es ein Volk von Heiligen werde. 373