Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 372 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg obern, die ihnen ihre heiligen Schriften verhießen haben? Jedoch die von so vielen Juden so viele Jahrhunderte hindurch erduldeten Verfolgungen, die sich in unserem Jahrhundert fortsetzen, beweisen ihren Mangel an wirksamer Solidarität und ihren Mangel selbst defensiver Organisation; und die von den Propheten vorhergesagte Weltherrschaft soll sich nicht durch ein finanzielles Komplott, sondern durch den Triumph rein geistiger Bestrebungen erfüllen, welche die gesamte Menschheit auf den höchsten Punkt ihrer Entwicklung geführt haben werden. Welchen Wert soll man endlich den antisemitischen Grundsätzen beimessen, wenn man sieht, daß Henry Ford, der reichste Mann der Welt und der unabhängigste, den Antisemitismus öffentlich abschwört, die Juden öffentlich um Verzeihung bittet, nachdem er zehn Jahre hindurch den europäischen und amerikanischen Antisemitismus subventioniert hatte? Aber wie war es möglich, daß dieser ehrenhafte Mann sich irren konnte? Bleibt denn von so vielen widerspruchsvollen Anschuldigungen keine einzige bestehen? Doch. Eine Tatsache erklärt sie alle, ohne sie zu rechtfertigen: die Juden sind Juden; sie wollen Juden bleiben; immer, überall, sogar gegen ihren Willen, bleiben sie Juden. Nun ist jede Minorität der Majorität verdächtig; denn diese hält die der Minorität Zugehörigen für einander ähnlicher und miteinander solidarischer als die der Majorität Zugehörigen. Muß es um jeden Prei3 einen Schuldigen geben? Man sucht ihn bei der Minorität, die man in ihrer Gesamtheit beschuldigt: ein Jude ist Verräter, alle Juden sind Verräter; hundert Juden sind Bolschewiken, alle Juden sind Bolschewiken; im Mittelalter wütet die Pest, die Juden haben die Brunnen vergiftet; im 20. Jahrhundert wütet der Krieg, die Juden haben den Krieg angezettelt Dieses Phänomen einer halb willkürlichen Massensuggestion ist unbestreitbar: Brunnenvergiftung, Rüualmord, Magie und Hexerei, alle die Anschuldigungen, die im Mittelalter die Christen, Majorität geworden, den Juden entgegenschleuderten, es sind genau die gleichen, mit denen die Heiden zehn Jahrhunderte früher die Christen, damals Minorität, überhäuft haben. Sozial, politisch, ökonomisch genommen besteht zwischen einem jüdischen und einem nichtjüdischen Kapitalisten keinerlei Unterschied; aber in der Praxis, oder durch seine Herkunft, von der immer dies oder jenes an ihm hängen geblieben ist, ist der jüdische Kapitalist Jude: er gehört einer Minorität an; er 372