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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 370

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
370 (sequence 17)
Language
German
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Edmond Fleg durch die Vorbereitung zu meiner „Jüdischen Anthologie" vertraut geworden war. Ich war entschlossen, die unbestreitbare Ursache des Antisemitismus aufzufinden. Würde ihre Entdeckung vielleicht meine Kenntnis des Judentums vollenden? Ich mußte bald zahlreiche bekannte Märchen, zum Beispiel das Märchen des Ritualmords, ausscheiden, das man sich versteift, als einen authentischen Gebrauch des Judentums hinzustellen, obwohl die Sache selbst von den Päpsten hundertfach dementiert ist; oder auch das herkömmliche Bild des geldgierigen Juden, wie es Shakespeare in seinem Shylock festgelegt hat, nicht wissend, daß dieser unerbittliche Gläubiger in der ursprünglichen Legende kein Jude ist, und daß das Recht, ein Stück Fleisch des insolventen Schuldners zu fordern, nicht auf das Gesetz Moses', sondern auf das rein römische Zwölf-Tafel-Gesetz zurückzuführen ist Ich mußte auch aus gewissen talmudischen Texten stammende Argumente beiseite schieben, vereinzelte Deutungen, die dem Grundgedanken des Talmud und des Judentums zuwiderlaufen, Deutungen, aus denen man für alle Juden verbindliche Glaubensartikel machen möchte. Endlich mußte ich den angeblich christlichen Antisemitismus ausschalten. Christus hat befohlen, daß den Juden verziehen werde: nach der Lehre des Paulus, welche die Kirche übernommen hat, war ihr Verbrechen selbst gleichsam geheiligt, da es mit Jesus' Opfer das Heil der Welt begründete; und sie werden bis an das Ende der Zeiten bestehen müssen, um ihre Sendung zu vollenden, die Ungläubigen der letzten Tage nach ihrem Beispiel zu bekehren. Wenn Christen Juden verfolgt haben (und sie haben es in abscheulicher Weise getan und tun es noch), so bedeutet dies, daß sie weder die christlichen Tugenden noch den christlichen Glauben haben; sie bleiben Ungläubige; man ist nicht Judengegner ohne Christengegner zu sein. Welche Anschuldigungen blieben nun übrig? Das Judentum wäre in seinem innersten Wesen revolutionär? Wenn ethischer, sozialer und internationaler Fortschritt gleichbedeutend mit Revolution ist, ja; nein, wenn Revolution gleichbedeutend ist mit Gewalt Der Jude Karl Marx, mit sechs Jahren getauft und im Alter der Reife Antisemit, hat, es ist richtig, die Theorie des Kommunismus formuliert, der in der edlen Leidenschaft für die Enterbten dem Prophetismus verwandt ist; es ist aber leicht zu beweisen, daß der dem Marxismus eigentümliche historische Materialis- 370

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