Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 369 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin Und auch ich erwachte aus dem Traum des großen Krieges, die ganze Welt erwachte: der Friede war nicht der Friede; Krieg war noch immer Krieg; die Menschen weinten; die Juden weinten. Sie hatten für alle Nationen gekämpft; alle Nationen hatten auf den Blättern ihres Ruhmes jüdische Loyalität, jüdischen Heroismus verzeichnet, und mehr denn je war das Bild des zerrissenen Judentums ein Gleichnis der zerrissenen Menschheit Aber während meine jüdisch-russischen Kameraden von der Legion und ihre Brüder an der russischen Front für den Zaren starben, starben ihre Väter, Frauen, Kinder, des Verrats beschuldigt, als Geisern eingekerkert, in Nacht und Schnee auf die Straßen gejagt, mit Knuten mißhandelt, füsilliert, erhängt, lebend verbrannt, in Rußland durch den Zaren. Nach der bolschewistischen Revolution wurde es noch schlimmer. Es waren nicht mehr allein die Klagen eines degradierten Offiziers auf einem Felsen im Meer, die in der Stille meiner Nächte zu mir drangen; die Klagen, die zu mir emporstiegen, waren das Todesröcheln von Hunderttausenden, fürchterlicher noch als das Todesröcheln des großen Krieges. Von meinem schlummerlosen Lager sah ich Petljuras, Gotschalks und Denikins gegenrevolutionäre Armeen vorwärtsdringen; sie heulen: „Die Juden sind Bolschewiken! Die Bolschewiken sind Juden!", sie fallen über die entwaffneten Juden her, foltern sie, verstümmeln sie, metzeln sie in den Straßen nieder, stechen in den Kellern ihren Säuglingen die Augen aus. Von Deutschland bis nach Ungarn, von Österreich bis nach Rumänien hallt der Schrei wider: „Die Juden sind Bolschewiken, die Bolschewiken sind Juden! Sie haben den bösen Krieg gewollt! Sie haben den bösen Frieden unterzeichnet! Tod den Juden! Tod den Juden!" Und während ein neuer Auszug Israels, in Lumpen und Leichentüchern, durch die Hauptstädte und voll Todesangst über den Ozean flutete, um jenseits die Häfen Amerikas gesperrt zu finden, ergossen sich alle einstigen Verleumdungen des Antisemitismus, all ihre mörderischen Ammenmärchen auf bedruckten Seiten über die Welt Wie war das möglich? Waren all diese jüdischen Helden, für all diese Länder gestorben, denn vergessen? Das blutige Zeugnis dieser Vaterlandsliebe, hatte es denn nichts bewiesen? Was war der Grund dieses Judenhasses, den nichts beschwichtigt, der besteht, seit Juden bestehen, der zweifellos dauern wird, solange sie dauern? Ich wollte es erfahren. Ich nahm es auf mich, alle die anklägerischen Bücher zu lesen und sie der Geschichte Israels gegenüberzustellen, welche mir 369