Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 368

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
368 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895480-2899112--03017-2899198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Edmond Fleg Strom der Tränen, vom schmerzlichen Dornbusch, von Moses, der angesichts kleinen Ausschnitt der Welt sah, den man durch den engen Spalt einer Schießscharte entdecken konnte; ich stellte mir alle Länder, alle Erdteile vor und überall, ängstlich gespannt, vertrauend, die Menschen, alle Menschen, das Ende des letzten Krieges, den Weltfrieden, das Einswerden aller Menschen erhoffend und erwartend. Und ich sagte mir: Die Stimme der Propheten war also dennoch keine Stimme in der Wüste? Der einst von ein paar Träumern Judas geträumte Traum ist der Traum der Menschheit geworden? Der Messias Israels wird von allen Menschen erwartet? Wie ist das möglich? Durch welches Wunder ist seine Botschaft zu ihnen gekommen? Die Sendung? Wäre es durch Israels Sendung geschehen? Und in Gedanken schrieb ich bereits den letzten Gesang des jüdischen Epos „Le Mur des Pleurs". Der Ewige Jude stand vor dem alten Mauerwerk still, an dem die Juden über die Ruinen des Tempels klagen; jedoch ihre Seufzer gelten nicht der Zerstörung des Tempels; sie gelten dem Tempel des Einen Menschen, den der Mensch noch nicht erbaut hat Der Ewige Jude schlummerte ein; und in den Visionen der Nacht erblickte er den ganzen Krieg; er starb den Tod aller Soldaten, den Tod durch das Maschinengewehr, durch das Gas, durch das Unterseebot, durch das Flugzeug. Alle Mütter des großen Krieges beweinten ihre Söhne, alle Toten des großen Krieges erhoben die verweste Faust aus ihren Gräbern und fluchten mit ihrem zerschmetterten Mund dem Antichrist, der ihre Gebeine rüstete für einen Krieg der Toten in der Ewigkeit Aber nun. inmitten des Traumes, erheben sich ferne Gesänge. Die künftigen Generationen richten den Tempel auf, der verhießen war, denn aus dem Brudermord ist Brüderlichkeit geboren worden. Für das Brot bringt man den Weizen aller Felder; für den Wein die Trauben aller Weinberge; auf allen Bergen, auf allen Ebenen, allen Meeren ist der Tisch gedeckt Alle Völker steigen empor und setzen sich; das Heilige Abendmahl der Menschheit beginnt: die Glieder Adams, über die Erde verstreut, fügen sich aneinander; das Blut aller Menschen fließt in seinen Adern; in seinem Herzen pochen die Herzen aller Menschen: der Mensch ist, wie Gott, Einer. Aber von neuem erheben sich klagende Stimmen. Der Ewige Jude erwacht Noch immer weinen die Juden an der zerstörten Mauer: die Zeit ist noch nicht gekommen, man muß weiter wandern. 36$

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.