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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 367

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
367 (sequence 14)
Language
German
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Warum ich Jude bin des Gelobten Landes bittet, noch leben zu dürfen, um es betreten zu können; von Gott, der ihm ein anderes Gelobtes Land enthüllt, das Land, das sein wird, wenn der Eine Mensch sein wird. Und ich folgte der Verheißung von Simson zu Gideon, von Samuel zu David: ich baute dem Frieden Salomos Tempel; ich sah Jesabel und Zedekia, Elias und Jeremias; alle Sünden, alle Vergebungen wurden mir wieder lebendig, das gezüchtigte Volk, das sich in die Verbannung schleppt, Gott, der Halseisen und Handfesseln auf sich nimmt, um auf den blutigen Straßen sein Volk zur Menschen-Einheit zu führen. Und ich wollte eben von der babylonischen Gefangenschaft, von Ezechiel und Nehemias, der Hoffnung auf die Wiederkehr singen — als der große Krieg ausbrach. Wirst du dir vorstellen können, mein Kind, was sich da in mir abspielte? Ich hatte in meinem Innern das ganze Lied meines Volkes vernommen, war durch Israel in Israel auferstanden — und nun geschah es aufs neue, was einst in Basel inmitten der Zionisten mit mir geschehen war: daß ich mich Jude, durchaus Jude fühlte, aber zugleich durchaus Franzose. Es war eine Eingebung des Instinkts, des Augenblicks, des ganzen Menschen; und da ich noch Schweizer Staatsbürger war, meldete ich mich zur Fremdenlegion und ging an die Front: darum wirst du, mein Kind, wenn du geboren wirst, als Franzose geboren werden. Es war eine ganz natürliche Sache; zehntausend Juden, die in Frankreich fremder waren als ich, taten, was ich getan habe; und ich würde dir nicht davon erzählen, wenn dieses Ereignis nicht eine neue, die unerwartetste Frage an mich gestellt hätte: wie kam es, daß ich mich zugleich in höherem Grade Jude und in höherem Grade Franzose fühlen konnte? wie kam es, daß deutsche Juden in Deutschland, russische Juden in Rußland, Juden aller Länder zweifellos das gleiche empfanden wie ich? Dies ist das jüdische Rätsel der Gegenwart; erst später sollte ich es lösen. Ich will dir nicht vom Kriege erzählen, beruhige dich, mein Kind; nicht einmal von meinem Krieg (der mich nach Verlauf von zwei Jahren nach Paris in ein Ministerium zurückführte). Du sollst nur wissen, welch große menschliche Hoffnung Licht in so viele Greuel brachte. Man sagte uns: dies ist der letzte Krieg. Und wir hofften, wir glaubten, daß es der letzte Krieg sein werde. Ich dachte manchmal daran, wenn ich in einem Schützengraben stand und im Rauch der fernen Geschosse den winzig 367

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